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Literatur
Der ewige Bestseller

Das Theophilus-Spiel liegt seit wenigen Wochen in der Schatzkammer der Stadtbibliothek Weberbach Trier. Hinter dem optisch unscheinbaren, schmalen Buch steckt viel spannende Geschichte.
Das Theophilus-Spiel liegt seit wenigen Wochen in der Schatzkammer der Stadtbibliothek Weberbach Trier. Hinter dem optisch unscheinbaren, schmalen Buch steckt viel spannende Geschichte. FOTO: Stefanie Braun / TV
Trier. Ein Mann verkauft seine Seele an den Teufel, die Gottesmutter steigt in die Hölle hinab, um sie wiederzuholen: fertig ist der Stoff, der seit dem 7. Jahrhundert die Gemüter bewegte. Eine Handschrift des Theophilus-Spiels kann man in der Schatzkammer der Stadtbibliothek Weberbach sehen. Von Stefanie Braun
Stefanie Braun

Eine Geschichte, wie moderne Fantasy-Literatur: Ein Mann kommt mit den vielen Anforderungen des täglichen Lebens nicht mehr zurecht und lässt sich auf einen verhängnisvollen Pakt ein: Um optimal zu arbeiten, mehr Erfolge verzeichnen zu können und beim Volk beliebter zu sein, verkauft er seine Seele dem Teufel. Charakterdoping für die eigene Seligkeit. Was viele ahnen, tritt selbstverständlich ein: Der Pakt mit dem großen, allumfassenden Bösen geht natürlich nicht zum Vorteil des sterblichen Menschen aus. Er braucht Hilfe. Und die kommt. Von höchster Stelle. Die Gottesmutter persönlich steigt in die Hölle hinab, um mit dem Teufel über das Kleinod Seele zu verhandeln.

Wie der Handel ausgeht, sei der Trierer Schrift nicht zu entnehmen, sagt Michael Embach, mit den zehn, zwölf Seiten ist die Geschichte bloß ein Fragment. Sie wird die Seele aber wiederbekommen haben, die Mutter Maria, viele andere Schriften desselben Stoffes belegen das. Was man nun in der Schatzkammer der Stadtbibliothek Weberbach bewundern kann, könnte man einen ersten Bestseller nennen, einen ersten Straßenfeger, einen ersten Publikumsmagneten.

Das Theophilus-Spiel ist ein sogenanntes geistliches Spiel, ein Sing- und Schauspielstück, dessen Inhalt paraliturgisch, also mit Elementen des Christentums angereichert ist und eine christliche Botschaft verkündet, aber nicht zum Mess-Kontext gehört. „Diese Spiele wurden in einem öffentlichen Bereich, wie einem Marktplatz oder vor der Kirche aufgeführt, ähnlich den Passionsspielen. Sie waren zeitweise sehr beliebt“, sagt Embach. Alleine auf den wenigen Seiten, die in der Trierer Handschrift erhalten geblieben sind, fand man Hinweise auf über 30 Schauspieler und Sänger. Inszeniert, wenn man es schon so nennen mag, wurden diese Spiele vom Klerus: „Der war schon der kreative Part der Gesellschaft, alleine, weil er über Bildung verfügte, Kleriker kannten die Stoffe und wussten, was dem Publikum gefallen könnte.“ Die geistlichen Spiele seien eine Vorform der Auftritte gewesen, die letzten Endes ins Theater geführt haben. Und das Theophilus-Spiel sei das bekannteste unter den sogenannten Marien-Mirakeln, also jenen Wunderberichten, in denen die Gottesmutter eine Rolle gespielt habe. „Bis in die Gegenwart gibt es Bearbeitungen von Laienschauspieltruppen und Übersetzungen in andere Sprachen. Das Motiv ist einfach nicht totzukriegen“, scherzt Embach. Es sei eben zu gut darstellbar. Auf der einen Seite eine durchweg menschliche Situation, die Bitte um Hilfe, auf der anderen Seite das spektakuläre Hinabsteigen in die Hölle: Das sei schon ein Knalleffekt. Vielleicht sei die Geschichte auch deshalb so beliebt, weil eine Frau die große Heldin sei, spekuliert Embach. Ein durchweg ungewöhnlicher Sachverhalt.

Ein Plot, der schon lange vor der mittelalterlichen Aufbereitung seine Fans hatte: „Die Urform des Stoffes kommt aus dem 7. Jahrhundert, sie war wohl eine griechische Legende“, sagt Embach. In dieser Form gab es noch keine weibliche Heldin, seine Erlösung verdiente  sich Theophilus durch Bußfertigkeit. „Theophilus ist damals auch schon ein Kleriker, der als hochmütig beschrieben wird, zu mittelalterlichen Zeiten eine der Todsünden. Die Buße bewirkt einen Klärungsprozess bei ihm.“

Diese Bußthematik entwickelte sich hin zum Marien-Mirakel und gewann in der Trierer Handschrift noch den Aspekt der Kleruskritik hinzu. Theophilus’ charakterliche Schwäche wird dem Kollektiv des Klerus allgemein angelastet. Die Figur verändert sich und verkörpert nun einen bestimmten Gesellschaftstyp. Und insbesondere der Stiftsklerus komme in der Trierer Handschrift gar nicht gut weg, so Embach.

Von dem Theophilus-Spiel gibt es drei Handschriften, die alle aus dem Zeitraum zwischen 1430 und 1460 stammen. Eine davon liegt in Bocholt, eine im niederländischen Deventer, von der man wisse, dass sie im Fastnachtsgeschehen aufgeführt wurde. Dort sei der Bußgedanke wahrscheinlich etwas hinter das Karnevalistische, nach Außen-Gewandte, getreten: „Die bühnenmäßige Aufführung mit Regieanweisungen und einer Vorform der Dramaturgie war das eine, auf der anderen Seite hatte man auch sehr gut ausgebildete Sänger und Musik. Man kann sich vorstellen, dass bestimmte Lieder die Leute gepackt haben“, erklärt Embach. Der Gedanke an die ersten Karnevalshits liegt nicht fern. Die Trierer Handschrift selbst ist um 1430 im Raum Düsseldorf entstanden. Der Autor? Unbekannt. „Das sind solche Rätsel, die einfach nicht zu lösen sind“, weiß Embach. Eines von vielen Rätseln, die das schmale, dünne, von den Jahrhunderten ausgeblichene Buch umgeben. 1806 gelangte es aus dem Bibliotheksbestand der Adelsfamilie Manderscheid-Blankenheim in die Stadtbibliothek.

Wie genau, darüber gibt ein knapper handschriftlicher Vermerk des damaligen, ersten Leiters der Bibliothek, Johann Hugo Wyttenbach, keinen Aufschluss. Übrigens: Hauptberuflich war er Direktor des städtischen Gymnasiums, und auch derjenige, der Karl Marx 1835 sein Abiturzeugnis in die Hand drückte. Ob Wyttenbach die Handschrift geschenkt bekommen oder erworben hatte, bleibt ein Geheimnis, das er 1848 mit ins Grab nahm. Ein häufiges Problem zu Zeiten der Säkularisierung, damals wurde eine Unmenge an Handschriften und frühen Drucken frei, die schlicht und ergreifend zu groß war, um alles ordentlich verwalten zu können. „Das Besondere an dem damaligen Trierer Raum war, dass es keinen weltlichen Hof gab, keine weltliche Repräsentationskultur, sondern vorwiegend geistliche Höfe, Klöster und Kathedralsbibliotheken“, erklärt Embach. Es habe Adelssitze im Umfeld gegeben, einer davon gehörte zu den Grafen von Manderscheid-Blankenheim: „Sie sind eines der wenigen Herrschergeschlechter, die über eine hervorragende Bibliothek verfügt haben. Sie hatten einen Sinn für die Bedeutung volkssprachlicher Literatur.“

Oder einen Riecher für gute Geschichten.

Die Schatzkammer der Stadtbibliothek, Weberbach 25, in Trier, hat dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet.

Michael Embach (Foto rechts), Leiter der Stadtbibliothek, weiß einiges über das Theophilus-Spiel zu erzählen. Die Handschrift aus dem Jahr 1430 könnte als Vorstufe eines Theaterstückes gesehen werden, ein Publikumsliebling, der bis heute von Laiendarstellern aufgeführt wird. Die zwei verschiedenfarbigen Notenlinien auf der linken Seite stellen zwei verschiedene Stimmlagen für die Sänger des Stückes dar. Geschrieben wurden sie in der damals gebräuchlichen Hufnagelnotation, kleine quadratische Noten auf einem vierlinigen System (Foto links).
Michael Embach (Foto rechts), Leiter der Stadtbibliothek, weiß einiges über das Theophilus-Spiel zu erzählen. Die Handschrift aus dem Jahr 1430 könnte als Vorstufe eines Theaterstückes gesehen werden, ein Publikumsliebling, der bis heute von Laiendarstellern aufgeführt wird. Die zwei verschiedenfarbigen Notenlinien auf der linken Seite stellen zwei verschiedene Stimmlagen für die Sänger des Stückes dar. Geschrieben wurden sie in der damals gebräuchlichen Hufnagelnotation, kleine quadratische Noten auf einem vierlinigen System (Foto links). FOTO: Stefanie Braun / TV
Theophilus Spiel
Theophilus Spiel FOTO: Stefanie Braun / TV
Dieser Teil der Handschrift zeigt den Beginn des Legendenspiels. Links ist ein zweistimmiger Gesang zu sehen. Die Oberstimme ist in roter Tinte notiert, die Unterstimme in schwarzer. Rechts erscheinen Redeteile verschiedener Mitspieler.
Dieser Teil der Handschrift zeigt den Beginn des Legendenspiels. Links ist ein zweistimmiger Gesang zu sehen. Die Oberstimme ist in roter Tinte notiert, die Unterstimme in schwarzer. Rechts erscheinen Redeteile verschiedener Mitspieler. FOTO: Stadtbibliothek Weberbach / TV