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Eine kluge Frau und ein Mann mit Zivilcourage

 Hat in 45 Minuten fast seine ganze Novelle vorgelesen: Hans Joachim Schädlich bei seinem Auftritt im Haus Beda in Bitburg. TV-Foto: Stefanie Glandien
Hat in 45 Minuten fast seine ganze Novelle vorgelesen: Hans Joachim Schädlich bei seinem Auftritt im Haus Beda in Bitburg. TV-Foto: Stefanie Glandien
Bitburg. Mit Hans Joachim Schädlich haben rund 300 Besucher des Eifel-Literatur-Festivals in Bitburg einen der einflussreichsten deutschen Autoren der Gegenwartsliteratur erlebt. Mitgebracht hatte er seine Novelle "Sire, ich eile" in der er die spannende Beziehung zwischen dem Preußenkönig Friedrich II. und dem französischen Philosophen Voltaire aufarbeitet. Stefanie Glandien

Bitburg. Zum Finale gibt es zwei Sahnehäubchen: Mit dem Autor Hans Joachim Schädlich und der Nobelpreisträgerin Herta Müller zieht Organisator Josef Zierden zum Ende des Eifel-Literatur-Festivals noch mal alle Register. Den Anfang machte am Freitag Hans Joachim Schädlich, den die Literaturkritiker für ebenso bedeutend wie Günter Grass halten, bevor Herta Müller am 27. Oktober in Prüm das Lesespektakel beschließt. Beide Autoren verbindet, dass sie Diktatur, Unterdrückung und Widerstand in ihren Büchern thematisieren.
Schockierender Verrat


Hans Joachim Schädlich erlebte als Schriftsteller in der DDR selbst, was es bedeutet, verfolgt und unterdrückt zu werden. "Das Anschreiben gegen Unterdrückung und Gewalt wurde für ihn zum zentralen Anliegen", sagt Josef Zierden.
Großes Leid habe Schädlich erfahren, als er 1992 aus den Stasiakten erfahren musste, dass sein eigener Bruder ihn und seine Familie ausspioniert hatte. "Er war einer meiner liebsten Brüder. Ich war zunächst unfähig, das zu erfassen", sagt Schädlich. Nach der Akteneinsicht habe er im Auto gesessen und sei von Weinkrämpfen geschüttelt worden. Er habe später versucht, darüber zu schreiben, doch es sei ihm nicht gelungen. "Es war noch nie mein Stil, über Gefühle zu schreiben."
Stattdessen liefert er schnörkellose Prosa, schreibt knapp und konzentriert. Sein Faible sind Geschichten, bei denen es um Gegensätze wie Macht und Moral, Freiheit und Verrat geht. So wie bei Voltaire und Friedrich II.
Schon als Student habe er sich mit diesen bedeutenden Persönlichkeiten des 18. Jahrhunderts beschäftigt, sagt Schädlich.
Voltaire: Vorbild noch heute


Voltaire, führender französischer Philosoph, sei damals ein freier Geist gewesen, "und das im Zeitalter des Absolutismus", sagt Schädlich. "Voltaire war ein mutiger Mann, der seine Meinung ohne Rücksicht auf Gefährdung des eigenen Lebens kundgetan hat. Er machte das, was wir heute unter Zivilcourage verstehen."
Auch der Preußenkönig Friedrich II. war angetan von Voltaire. Er wollte alle seine Werke haben - und nicht nur das: am liebsten hätte er den Philosophen, wie es in Schädlichs neuem Buch heißt: "selbst besessen." Es entwickelt sich eine spannende Beziehung zwischen dem Schriftsteller und dem Monarchen. Niedergeschrieben von Schädlich, der seine Novelle mit tiefer sonorer Stimme vorträgt. Ein fast nüchterner Text ist es, der es aber trotz seines geringen Umfangs (140 Seiten luftig gedruckt) ohne Gefühlsduselei schafft, dass sich die beiden Hauptpersonen vor dem inneren Auge des Zuhörers lebendig abzeichnen.
Geradezu untypisch schwärmerisch zeigt sich Schädlich anschließend im Gespräch mit Zierden, der ihn auf die dritte Hauptperson im Buch, die Geliebte Voltaires, Émilie du Châtelet, anspricht. "Mein Buch ist eigentlich eine Huldigung Émilies - eine großartige, kluge, politisch weitsichtige Frau", sagt Schädlich. Die studierte Physikerin habe eine These entwickelt, für die sie im 20. Jahrhundert wahrscheinlich den Nobelpreis für Physik bekommen hätte, vermutet der Autor. Und schön sei sie auch noch gewesen, fügt er hinzu und beginnt in seinen Unterlagen zu wuseln, um ein Porträt der besagten Dame aus seinem Zettelarchiv herauszufischen und zu zeigen.
Mit lang anhaltenden Applaus verabschiedeten sich die 300 Besucher von einem Autor, der nicht nur durch seine Novelle, sondern auch durch seine persönliche Geschichte beeindruckt hat.