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Eine Maschine wird zum Künstler

Eine Maschine wird zum Künstler

Bis zur Heilig-Rock-Wallfahrt 2012 hat er noch einiges vor sich. Dann wird der Roboter auf dem Domfreihof Martin Luthers Übersetzung der Bibel mit einer Feder zu Papier gebracht haben. Seit seiner Inbetriebnahme am 6. Mai zieht er täglich die Blicke der Passanten auf sich.

Sein starker, orangefarbener Arm bewegt sich ganz langsam von links nach rechts. Mit einer Feder bringt er Buchstabe für Buchstabe aufs Papier. Gemeint ist bios (bible), der Roboter, der in einem roten Container vor der Hohen Domkirche in Trier steht. Seit dem 6. Mai schreibt er dort die Bibel ab. Die Maschine, die für Traglasten bis zu 16 Kilogramm ausgelegt ist, geht mit der Schreibfeder geradezu grazil um. Ihr Name setzt sich aus der englischen Bezeichnung für das Buch der Bücher und aus dem Begriff "basic input output system", kurz bios, zusammen. In der Computertechnologie versteht man darunter jenes Bauteil, das das erste Programm beinhaltet, auf dem jedes weitere Programm aufbaut.

Die Installation ist ein Projekt von Matthias Gommel, Martina Haitz und Jan Zappe, besser bekannt als robotlab. Die Künstlergruppe hat im Jahr 2000 damit begonnen, Roboter umzuprogrammieren. Den Bibelroboter gibt es bereits seit 2007. Damals stand bios (bible) im Karlsruher Zentrum für Kunst- und Medientechnologie (ZKM). Bevor er nach Trier kam, machte er unter anderem bereits zweimal auf der Ars Electronica, einem Festival für digitale Kunst in Linz, und einmal auf der Biennale in Sevilla Station. Eine Kopie der Installation wird voraussichtlich im Oktober in der Westminster Abbey zu sehen sein.

Laut Matthias Gommel beruht bios (bible) auf zwei Grundlagen: auf einem digitalen Datensatz der Bibel und auf dem Industrieroboter, auf dem ein Programm abgespielt wird. Um den Bibeltext aufs Papier zu bringen, muss zunächst das Schriftbild in einem Koordinatensystem definiert werden. Jeder Buchstabe besteht aus zehn oder mehr Punkten im Koordinatensystem. "Das Programm sagt dem Roboter dann, welchen Punkt er als nächsten ansteuern soll", erklärt Gommel.

Präsenz im öffentlichen Raum

Mit mindestens zehn Punkten pro Buchstabe handelt es sich um eine enorme Datenmenge, die die Mitglieder von robotlab programmieren mussten. Dennoch will Gommel das Projekt nicht als technische Spielerei verstanden wissen. "Unser Roboter ist ein Kunstwerk und nicht etwas, das primär Technikfreaks begeistern soll", so Gommel. Was den Künstler in Trier besonders beeindruckt, ist der Standort seiner Installation. "Für uns von robotlab ist es faszinierend, dass unser Werk eine solche Präsenz im öffentlichen Raum erfährt und nicht nur in der hintersten Ecke eines Museums steht", sagt Gommel. Dadurch entwickle bios (bible) eine Eigendynamik, sorge für Gesprächsstoff und rege zum Nachdenken über das Verhältnis von Mensch und Technik an.

Wie recht der Künstler damit hat, zeigt ein Blick auf den Domfreihof. Egal zu welcher Tageszeit man dort vorbeischaut, bei gutem Wetter tummeln sich stets Neugierige vor den Glasscheiben des Containers. Touristengruppen kommen ins Gespräch, unterhalten sich angeregt über Sinn und Zweck der Installation. Kleine Kinder steigen auf die Stufe vor dem Container, um einen besseren Blick auf bios (bible) zu erhaschen. "Mich erinnert der Roboter an einen Mönch", sagt Paul Dierick. Für den Belgier, der in Trier Urlaub macht, ist die Installation eine moderne Version mittelalterlicher Klosterarbeit. Auch andere Passanten erinnert bios (bible) an einen Menschen. "Wenn ich den Roboter arbeiten sehe, habe ich nicht das Gefühl, dass eine Maschine am Werk ist", sagt Pia Khoilar. Die Triererin schaut öfter auf dem Domfreihof vobei. "Weil mich einfach fasziniert, wie der Roboter diese enorme Arbeit bewältigt."