Eine Menschenkette rund ums Theater

Eine Menschenkette rund ums Theater

Morgen werden die Künstler des Trierer Theaters auf die Straße gehen, um sich gegen Kulturabbau zu wehren und für den Erhalt kultureller Vielfalt einzusetzen. Offizieller Anlass ist ein bundesweiter Aktionstag, aber Hintergrund sind auch ganz handfeste Befürchtungen für die Zukunft des Drei-Sparten-Hauses in Trier.

Theater-Intendant Gerhard Weber gehört nicht zu den Lauten seiner Zunft - jedenfalls außerhalb der Bühne. Da setzt der 60-Jährige eher auf stille Di plomatie, wenn es um die Rahmenbedingungen für das Haus am Augustinerhof geht.
Aber morgen wird Weber mit dabei sein, wenn die Trierer Theater-Leute ab 13 Uhr auf dem Kornmarkt den Gefangenenchor aus "Nabucco" intonieren, Theater-Zitate von Brecht bis Shake speare zu Gehör bringen, dann durch die Fußgängerzone marschieren und um 14 Uhr eine Menschenkette um ihr Theater bilden. Alles zum "Erhalt der kulturellen Infrastruktur", wie es in einem Aufruf des deutschen Kulturrats zum bundesweiten Aktionstag am 21. Mai heißt. Die Kulturszene macht mobil gegen den Rotstift, den Finanzminister und Stadtkämmerer dieser Tage immer öfter zücken.
Land hat den Etat eingefroren


Wer glaubt, das Theater Trier sei dabei aufgrund seiner Einmaligkeit in der Region ungefährdet, der ist naiv. Jahr für Jahr wird es schwieriger, den Etat des Hauses zu sichern. Mit fast 15 Millionen Euro ist das Theater der Gigant unter den Kultureinrichtungen vor Ort - und damit auch eine der wenigen laut gesetzlicher Definition "freiwilligen Aufgaben", bei denen sich größere Summen einsparen ließen.
Das muss nicht in Form spektakulärer Schließungsbeschlüsse passieren. Ohne viel Aufsehen entschied beispielsweise das Land Rheinland-Pfalz, seinen Zuschuss für das Jahr 2011 auf dem Stand des Vorjahres "einzufrieren". Das klingt harmlos, hat aber erhebliche Konsequenzen. Denn rund 90 Prozent des Trie rer Budgets gehen für Personalkosten drauf, davon wiederum der Löwenanteil für die fest Angestellten. Und deren Bezüge steigen automatisch entlang der Tarifbeschlüsse. Drei Prozent mehr im öffentlichen Dienst summieren sich schnell auf 150 000 Euro Zusatzkosten. Frieren Land oder Stadt ihre Zuschüsse ein, bedeutet das faktisch eine Kürzung des Budgets, die kurzfristig nur über Einsparungen im ohnehin schmalen "freien" Etat, etwa für Bühnenbilder oder Kostüme, realisiert werden kann - direkt zulasten der künstlerischen Qualität.
Gäbe es ein solches Einfrieren oder gar eine Kürzung über einen längeren Zeitraum, stünde der Betrieb des Theaters auf dem Spiel. Webers Mainzer Intendanten-Kollege Matthias Fontheim hat schon mächtig die Trommel gerührt, an der Fassade des dortigen Staatstheaters prangt der leicht fatalistische Schriftzug "Noch gibt es eins".
Schweigsames Kulturministerium


Im Kulturministerium gibt man sich bedeckt. Noch vor der Sommerpause werde man sich mit den Theaterleitungen und den kommunalen Trägern im Land zusammensetzen. "Vorher gibt es keine Aussagen zu künftigen Zuschüssen", lässt Staatssekretär Walter Schumacher mitteilen.
"Ich mache mir da nichts vor, es wird beim Land massiven Spardruck geben", sagt Triers Kulturdezernent Thomas Egger. Verständlich: In der "Grausamkeiten-Liste" der rot-grünen Koalition steht bis 2016 neben den bereits heftig diskutierten Maßnahmen ein weiterer Einsparungs-Posten von 400 Millionen Euro - Herkunft "noch offen".
Große Sorgen beim Dezernenten


Die Frage ist: Was macht die Stadt, wenn das Land seinen bisherigen 50-Prozent-Anteil an der Theaterfinanzierung (siehe Extra) einfriert oder gar kürzt? Sich Mainz anzupassen ist für Egger "keine ernsthafte Option". Die Stadt brauche "auch weiterhin ein Theater auf diesem Niveau", deshalb plädiert er dafür, dass die Stadt ihren Finanzierungsanteil weiter den steigenden Kosten anpasst. Allerdings macht er sich "erhebliche Sorgen" im Zusammenhang mit dem Entschuldungsfonds, dem die Stadt beitreten will: Die damit verbundenen Sparauflagen könnten auch das Theater massiv treffen.
Dass ein einfaches "Weiter so" wenig bringt, ist Egger durchaus klar. Er spricht von einer "Strukturoptimierung", einem neuen Preiskonzept, mehr Kooperationen, einer effektiveren Nutzung der Möglichkeiten des Theaters. Das hauseigene Ensemble und die Drei-Sparten-Struktur will er dabei aber nicht infrage stellen. Die Erarbeitung eines Konzepts werde ein bis zwei Jahre dauern. Allein aus eigener Kraft könne das Theater die notwendigen Veränderungen nicht bewältigen, so das Fazit des Dezernenten: "Wir brauchen Hilfe von außen".
Extra

Das Theater Trier hat im Jahr 2011 ein Budget von 14,4 Millionen Euro. Zieht man Abschreibungen und verwaltungsinterne Verrechnungen ab, kostet der Betrieb im Jahr 12,8 Millionen Euro. Davon werden rund 1,5 Millionen durch eigene Einnahmen finanziert, ganz überwiegend durch die Eintrittsgelder der rund 100 000 Besucher. Bleibt ein Zuschussbedarf von 11,3 Millionen, den sich Stadt und Land nach einer langjährigen Vereinbarung fifty-fifty teilen. Aktuell wären das je 5,66 Millionen, doch Mainz hat seinen Zuschuss auf dem Vorjahresstand von 5,38 Millionen Euro eingefroren. Zum Vergleich: Das Grand Théâtre (GT) Luxemburg hat (zusammen mit dem Kapuzinertheater) einen Etat von gut 12 Millionen Euro, zieht etwas mehr Zuschauer, hat doppelt so viele Produktionen wie Trier, aber weniger Aufführungen. Entscheidender Unterschied: Das GT ist ein Gastspielhaus, kauft europaweit hochkarätige Produktionen ein, hat aber kein eigenes Ensemble, das am Ort residiert, kein eigenes Orchester, keinen Chor, keine Dramaturgie, wenig Werkstätten, Mini-Verwaltung. Feste Mitarbeiter: 67 (Trier: 220). Anteil freie Mittel für künstlerische Produktion: 40 Prozent (Trier: 10 Prozent). DiL

Meinung

Kein Biotop
Wer will, dass auch die nächste Generation noch unterscheiden kann zwischen Goethes "Faust" und "Lasko, die Faust Gottes", der muss mit aller Macht für den Erhalt von Theatern kämpfen. Kulturgüter dürfen nicht das Erste sein, was in Zeiten knappen Geldes über Bord geht. Aber andersrum gilt auch: Kein gesellschaftlicher Sektor ist ein unantastbares Biotop, wenn die Mittel für alle öffentlichen Aufgaben schrumpfen. Wenn die Theater da Dinosaurier spielen, sich unter ihren Panzern verkriechen und auf bessere Zeiten warten, werden sie aussterben. Das gilt auch für ein kleines, mit wenig Reserven ausgestattetes, auf Hochlast laufendes Haus wie Trier. Innerhalb der Strukturen lässt sich da nicht viel sparen. Ergo muss, wer die Existenz auf Dauer sichern will, über die Strukturen nachdenken. Und zwar intelligent. Die Frage kann nicht lauten: Welche Sparte fliegt raus? Sondern: Wie kann ich die tendenziell schrumpfenden Ressourcen für die Kunst nutzbar machen statt für Bürokratie und Apparat? Die Zeit drängt, das Zukunftskonzept müsste längst da sein. Denn in Trier dräut auch noch die bauliche Totaloperation, und dafür müsste man vorher wissen, wohin man will. Das jahrelange "Augen zu und durch" wird sonst zum Bumerang. d.lintz@volksfreund.de