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Eine neue Zeit der Vergangenheitsbewältigung

Ein düsteres Haus mit düsterer Geschichte: Luxemburger Gendarmen betreten das abgelegene Bauerngehöft, in dem fünf Menschen bestialisch ermordet worden sind. TV-Foto: Samsa Film
Ein düsteres Haus mit düsterer Geschichte: Luxemburger Gendarmen betreten das abgelegene Bauerngehöft, in dem fünf Menschen bestialisch ermordet worden sind. TV-Foto: Samsa Film FOTO: Patrick Muller (h_kultur
Luxemburg. Vor dem Hintergrund eines fünffachen Mordes an einer deutschen Bauernfamilie und ihren Bediensteten in Luxemburg im Sommer 1945 zeigt Regisseur Christophe Wagner ein Land, in dem Verlogenheit und Opportunismus die Oberhand gewinnen. Ein neues Kapitel in der Auseinandersetzung des Großherzogtums mit seiner Nachkriegszeit ist damit aufgeschlagen. Sabine Schwadorf

Luxemburg. "Was im Krieg geschehen ist, soll unter denen bleiben, die es erlebt haben!" Was der alte Roger Ternes, Luxemburger Held des Ersten Weltkriegs auf französischer Seite, im Film seinem Sohn Jules mit auf den Weg gibt, ist symptomatisch für das Großherzogtum der Nachkriegszeit in den 1940er Jahren. Zu gern möchten viele Luxemburger endlich die Traumata des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Besatzung abschütteln, "eng nei Zäit", eine neue Zeit, anbrechen und die Bürden von Widerstand und Kollaboration hinter sich lassen. Glücklich scheinen sie zu sein, wenn Originalfilmaufnahmen ein jubelndes Volk zeigen, das seiner aus dem Exil zurückgekehrten Großherzogin winkt.Zukunft auf der Basis von Lügen?


Doch dem ist nicht so. Wie viel Wahrheit aber verträgt eine Gesellschaft? Wie stark dominiert Opportunismus in Zeiten, wo es ums nackte Überleben geht? Und: Kann man die Zukunft auf Lügen aufbauen? Diesen Fragen geht der Luxemburger Regisseur Christophe Wagner (siehe Extra) in seinem neuen Film "Eng nei Zäit" nach, in dem er die von Historikern wie Vincent Artuso aufgeworfene Frage der Kollaboration von Luxemburgern mit der deutschen Besatzungsmacht neu stellt.

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Zum Film: Ausgehend von dem realen fünffachen Mord an einer deutschen Bauernfamilie in Welscheid bei Ettelbrück im Sommer 1945, an ihrem Knecht und ihrer Luxemburger Magd zeichnet Wagner die Zerrissenheit der in sich geschlossenen Gesellschaft nach. Plötzlich sind alle Kriegshelden, waren alle "gute Luxemburger" und im Widerstand aktiv gewesen. Ressentiments allem Deutschen gegenüber und Drohungen gegenüber echten und vermeintlichen Kollaborateuren sind an der Tagesordnung.

Die Dorfbevölkerung ist davon überzeugt, dass die Tat auf dem Bauernhof Wandhaff ein Raubmord ist. Nur der Kriegsheimkehrer Jules Ternes hat seine Zweifel. Nicht nur, weil er mit der ermordeten Magd liiert war, sondern weil Indizien darauf hinweisen, dass es um Rache und Vergeltung geht. Denn der Verrat an Luxemburgern im Krieg soll weiter unter der Decke bleiben. Und dazu tragen Politik und Justiz ein erhebliches Scherflein bei.Kein eindeutiges Gut oder Böse


Sie suchen einen Sündenbock, schweigen Vergangenes tot, erpressen ein Geständnis. So reicht letztlich ein Fingerabdruck des vorbestraften Landstreichers Glesener (Luc Feit) aus, um ihn zum letzten hingerichteten Gemeinverbrecher in Luxemburg nach dem Krieg im Jahr 1948 zu machen. Die Todesstrafe als Gesetz wird erst 1979 per Parlamentsbeschluss abgeschafft.

Regisseur Wagner versteht es, mit der inneren Zerrissenheit, der Naivität und Unsicherheit von Jules Ternes (Luc Schiltz) zu spielen. Denn er ist eben nicht der Kriegsheld in der Résistance gewesen, für den ihn alle halten, und was er auch selbst öffentlich nie von sich weist. Er hat seine Kollegen bei der SS verraten, damit er selbst mit der Freiheit "belohnt" werden konnte.

Ternes steht stellvertretend für viele auf allen Seiten der Fronten eines Krieges, was es manchmal schwierig macht, zwischen historischer Wahrheit und Fiktion im Film zu unterscheiden. Denn in der Grausamkeit, angesichts von Gewalt und Verrat, gibt es kein eindeutiges Gut und Böse, kein Weiß und Schwarz, sondern viele Schattierungen von Grau. Das war in Luxemburg nicht anders als in Deutschland.

Mit "Eng nei Zäit" ist Christophe Wagner sicherlich kein cineastisches Meisterwerk gelungen, aber eine ansehnliche Produktion mit einer Reihe überzeugender Darsteller. Das größte Verdienst wird aber sein, dass der Film die Diskussion um die Gesellschaft im Nachkriegs-Luxemburg neu beleben wird. Denn mit dem Film wird nach der wissenschaftlichen Aufarbeitung nun auch die Bevölkerung miteinbezogen in ein Thema, das bislang öffentlich ausgeblendet wurde.
Rund um den Dreh gibt es vom 1. bis 22. November eine Ausstellung zum Film in der Abtei Neumünster und am 23. und 24. Oktober ein gemeinsames Kolloquium mit der Uni Luxemburg.
Der Film kommt am Mittwoch, 14. Oktober, in die Luxemburger Kinos und wird unter anderem auch Grevenmacher und Echternach gezeigt.Extra

Christophe Wagner (Foto: Samsa-Film) behandelt in seinem neuen Film "Eng nei Zäit" das Thema Nachkriegsgeschichte Luxemburgs. Der Trierische Volksfreund hat mit dem 40 Jahre alten Regisseur gesprochen. Im Untertitel des Films "Eng nei Zäit" wird die Frage gestellt, ob ein Land seine Zukunft auf Lügen aufbauen kann. Wie lautet Ihre Antwort? Wagner. "Ich wollte zeigen, dass nicht alles nur schwarz oder weiß gesehen werden kann. Bisher wurden vor allem die positiven Seiten der Befreiung gesehen. Doch es gab nicht nur den Widerstand auf der einen und die Kollaboration auf der anderen Seite. Meiner Meinung nach war es damals wichtiger, die Ordnung aufrechtzuerhalten als die Wahrheit zu suchen." Nach dem vor einigen Monaten veröffentlichten Bericht über die Rolle der Verwaltung während der Zeit der deutschen Besatzung beschäftigt sich dieser Film ebenfalls mit den Ereignissen während des Kriegs. Wagner: "Im Artuso-Bericht geht es um das Verhalten gegenüber den Juden in Luxemburg. Mein Film behandelt ein anderes Thema. Aber es stimmt. Es ist an der Zeit, dass über die Vorgänge in der damaligen Zeit offen gesprochen wird." Der Film basiert auf einem realen Kriminalfall. Wie sehr ist "Eng nei Zäit" eine Dokumentation - oder geht es vor allem darum, eine spannende historische Story zu erzählen? Wagner: "Natürlich haben wir uns an den Untersuchungsakten orientiert. Wo es jedoch um das Erzählen der Geschichte ging, haben wir uns für die Fiktion entschieden. Fest steht, dass nicht alle Spuren verfolgt worden sind. Es war eben auch einfach, einen Herumtreiber mit vilen Vorstrafen als Schuldigen zu präsentieren." Im Umfeld der Filmpremiere sind unter anderem wissenschaftliche Vorträge und Diskussionen rund um zeitgeschichtliche themen geplant. Sind die aus ihrer Sicht v nötig, da der Film ein Thema hat, das in Luxemburg ein heißes Eisen ist? Wagner: "Ich bin mir sicher, dass es nach dem offiziellen Kinostart viele Reaktionen geben wird. Wir sind froh über das Interesse der Universität Luxemburg, das Thema mit einem Kolloquium wissenschaftlich zu begleiten. Auch für Schulen haben wir pädagogisches Begleitmaterial zusammengestellt." Die Fragen an Regisseur Christophe Wagner stellte TV-Redakteur Harald Jansen.