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Kultur
Eine Schule, ein Projekt, ein Container: Marx, ein Hörspektakel

 24.04.2018, Rheinland-Pfalz, Trier: Philipp Kaster (l) und David Schaffrath sitzen im Friedrich-Wilhelm-Gymnasium Trier bei der Präsentation auf der Hörbank des MARXCONTAINERS und lauschen den aufgezeichneten Informationen. Die mobile automatische Tonaufnahmebox war für Antworten auf Fragen zur Gesellschaft und Karl Marx in den Städten Trier, Saarbrücken, Metz und Luxemburg aufgestellt. Foto: Harald Tittel/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
24.04.2018, Rheinland-Pfalz, Trier: Philipp Kaster (l) und David Schaffrath sitzen im Friedrich-Wilhelm-Gymnasium Trier bei der Präsentation auf der Hörbank des MARXCONTAINERS und lauschen den aufgezeichneten Informationen. Die mobile automatische Tonaufnahmebox war für Antworten auf Fragen zur Gesellschaft und Karl Marx in den Städten Trier, Saarbrücken, Metz und Luxemburg aufgestellt. Foto: Harald Tittel/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ FOTO: dpa / Harald Tittel
Trier. Internationales Kunstprojekt Marxcontainer: Was Menschen über den Denker sagen.

Im Schulfoyer. Das Haar struwwelig, die ernsten Blicke starr nach vorne gerichtet, schmettern die jungen Männer revolutionäre Studentenlieder aus jener Zeit, als Karl Marx die gleiche Schule besuchte wie sie: das Trierer Friedrich-Wilhelm-Gymnasium. Eine Gesangseinlage für die Journalisten, die gekommen sind, um sich über ein ungewöhnliches internationales Projekt zu informieren: den Marxcontainer.

Fast ein Jahr lang sind mehrere Container auf Tour gewesen: In den Quattropolestädten Trier, Metz, Saarbrücken und Luxemburg haben sie Tonaufnahmen von Menschen gemacht, die erzählen, was sie mit Karl Marx verbinden, was sie an der Gesellschaft mögen – oder auch nicht –, was Bezahlung für sie bedeutet oder was sie selbst wert sind. In Trier stand der Apparat einige Monate lang in der Stadtbibliothek.

Aus 50 Stunden Wortbeiträgen hat das Hörspiel-Ensemble Liquid Penguin ein 56-minütiges Hörspektakel zusammengeschnitten, das dazu anregt, nachzudenken. Über Marx, Geld, die Vor- und Nachteile der Gesellschaft. Kleine Mädchen und alte Männer kommen zu Wort, Deutsche, Franzosen, Luxemburger, Konservative und Revoluzzer, Rechte und Linke. Umspielt werden ihre Aussagen vom Geräusch klingender Münzen, klingelnder Kassen und ratternder Webstühle, deren Sound sich mit dem industriellen Fortschritt stark verändert.

Zu erleben ist das Ganze auf einer marxroten Hörbank, die nun eine Zeit lang im Friedrich-Wilhelm-Gymnasium stehen wird. Insgesamt gibt es fünf solcher Hörbänke. Zwei sind Bestandteil der Marx-Ausstellung im Simeonstift und im Landesmuseum. Die anderen drei wandern durch Trier, Metz, Saarbrücken und Luxemburg.

Wer die Kopfhörer aufsetzt, erlebt Menschen, die mit Marx so Unterschiedliches verbinden wie einen Bart und Straflager, das kommunistische Manifest, ein totalitäres System oder das Bemühen, eine gerechtere Welt zu schaffen. Menschen, die an der Gesellschaft schätzen, dass sie „gut organisiert ist“, dass sie rechts­staatliche Strukturen hat, die vor Diskriminierung schützen, dass sie Sicherheit bietet, Pressefreiheit oder das Recht auf freie Meinungsäußerung. Menschen, die Toleranz vermissen, die Neid, Gier und Populismus kritisieren oder dass „man nicht mehr sagen kann, was man denkt, wenn es nicht ins linke Lager passt“.

„Kapitalismus ist kein Schicksal. Wir können es auch anders machen. Revolution ist möglich!“, sagt eine leidenschaftliche junge Französin, während ein älterer Deutscher es absolut inakzeptabel findet, überhaupt derart an Marx zu erinnern. Das sei genau so, „als würde man das für Adolf Hitler machen.“ Marx bewegt viele. Und zum Abschied schmettern seine jungen Mitschüler noch ein revolutionäres Lied. Auch ihre Stimmen wurden verewigt.

Wer eine Hörbank in öffentlichen Räumen aufstellen möchte, kann sich an Rudolf Hahn von der Karl-Marx-Ausstellungsgesellschaft wenden, auf deren Homepage demnächst Ausschnitte des Hörspiels zu finden sind.

 Philipp Kaster sitzt auf der Hörbank des Marxcontainers und lauscht den Aufnahmen.
Philipp Kaster sitzt auf der Hörbank des Marxcontainers und lauscht den Aufnahmen. FOTO: dpa / Harald Tittel