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Einer, der Spuren hinterlässt

Blick in die Zukunft gerichtet: Matthias Naske. Foto: Editpress/Isabella Finzi
Blick in die Zukunft gerichtet: Matthias Naske. Foto: Editpress/Isabella Finzi
Luxemburg. Das war\'s: Matthias Naske, Intendant der Philharmonie Luxemburg, bricht dieser Tage seine Zelte im Großherzogtum ab und übergibt die Geschäfte an seinen Nachfolger Stephan Gehmacher. Der Österreicher hinterlässt ein gut bestelltes Haus. Dieter Lintz

Luxemburg. Die TV-Redakteure Dieter Lintz und Martin Möller haben den scheidenden Gründer der Philharmonie und künftigen Chef des Wiener Konzerthauses kurz vor dem Wechsel zum Interview gebeten.

Es muss ein merkwürdiges Gefühl sein, wenn man quasi sein Kind allein lässt, obwohl man noch alles für die nächste Entwicklungsphase vorbereitet hat ...
Matthias Naske: Klar, die Philharmonie bleibt sicher noch eine Zeit lang mein Kind, aber da gibt es eben auch eine neue große Aufgabe. Das ist ganz normal: So wie ich eine Saison in Wien erbe, habe ich Stephan Gehmacher in Luxemburg eine hinterlassen.

Aus so etwas entstehen manchmal Reibereien ...
Naske: Bei uns nicht. Ich habe meinen Nachfolger in alle wichtigen strategischen Entscheidungen proaktiv einbezogen, gerade auch bei der Orchester-Programmierung des OPL, wo er über eine besondere Expertise verfügt. Trotzdem steht natürlich die Struktur der Konzertplanung im Wesentlichen bis 2014/15.
Sie sprechen von strategischen Entscheidungen - was muss man sich darunter vorstellen?
Naske: Wie jeder weiß, endet der Vertrag von OPL-Chefdirigent Emanuel Krivine im Sommer 2015. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass für die Weiterentwicklung des Orchesters ein beherzter, starker, neuer Chefdirigent gut wäre. Die Suche ist sicher in diesen Monaten die größte Herausforderung für Stephan Gehmacher. Wir haben ein ganz klares Profil des künftigen Chefs. Ich glaube felsenfest an das Potenzial des OPL. Das Orchester hat begonnen, ein Ethos zu entwickeln.
Klares Profil: Heißt das eher ein internationaler Dirigentenstar oder ein jüngerer Chef, der intensiv vor Ort arbeitet?

Naske: Dieses Orchester braucht sich den Ruhm nicht über große Namen zu kaufen. Es soll ehrlich sein und nach vorne gehen, dann gibt es gute Chancen, sich in Europa erfolgreich zu positionieren. Dafür braucht es eine Persönlichkeit, die ihr Schicksal mit der Weiterentwicklung dieses Klangkörpers verbindet. Egal, ob Mann oder Frau: Einer, der sagt, ich fliege nicht nur acht Wochen pro Jahr hier ein.
Entscheidung bis wann?
Naske: Ich will Stephan Gehmacher nicht vorgreifen, aber in einem halben Jahr kann man das wissen. Gehmacher ist brillant vernetzt, kennt alle jungen Dirigenten, die infrage kommen. Doch da müssen Sie ihn am besten selber fragen.
Hand aufs Herz: Dass der Intendant der Philharmonie irgendwann auch für das OPL verantwortlich sein würde, haben Sie das schon vor zehn Jahren geahnt?
Naske: Nein. Es war aber ein logischer Entwicklungsschritt. Die Konstellation zwischen Haus und Orchester musste neu aufgestellt werden, und Ministerin Modert hat den radikalsten Weg gewählt. Ein schwieriger Prozess, aber wir sind gestärkt herausgekommen.
Reden wir über den Philharmonie-Betrieb. Sie waren ein Virtuose darin, aus einer Ansammlung von Gastspielen ein Programm zu generieren, das als Gesamtkunstwerk wahrgenommen wurde ...
Naske: Na ja. Institutionen wie die Philharmonie oder das Wiener Konzerthaus leben davon, dass sie kulturelle Relevanz haben. Und die muss auf die lokalen Verhältnisse maßgeschneidert werden, auch auf die sozialen und gesellschaftlichen Strukturen vor Ort. Da ist Wien natürlich eine sehr große Herausforderung.
Hier bestand Ihre Herausforderung aus den Eigenarten der Luxemburger Szene. Da kam die Philharmonie wie ein Erdbeben und hat von Esch bis Echternach alles durcheinandergewirbelt.
Naske: Vielleicht ist es gar nicht schlecht, dass ich weg bin. Da fehlt jetzt die Reizfigur. Aber es wird sich nichts daran ändern, dass man mit unserer Existenz zurechtkommen muss.
Sie haben versucht, die regionalen Anbieter und Kulturmacher in bestimmte Programmbereiche einzubinden. Mit Erfolg?
Naske: Man kann da nie genug machen. Und da gibt es ja noch Spielräume für die Zukunft. Zum Beispiel für Elemente wie den internationalen Chorwettbewerb. Oder den neuen Chor der Großregion. Die Dinge brauchen Zeit.
Die Philharmonie strahlt auch in die Region Trier aus. Was strahlt denn da zurück, beispielsweise an Auftrittsanfragen?
Naske: Lustigerweise wenig. Wir spüren das eher am Interesse des Publikums. Aber das ist nicht verwunderlich, wir haben mit der Philharmonie einen wunderbaren Raum mit durchhörbarer Akustik, dazu ein halbwegs stabiles, sympathisches Programm - da ist es kein Wunder, wenn die Leute das zu ihrer Sache machen, auch außerhalb der Stadt, dies- und jenseits der Grenze.
Und doch gibt es in Trier beim städtischen Orchester ein sehr treues Konzertpublikum ...
Naske: Das eine muss das andere ja auch keineswegs auffressen. Für kleinere Häuser oder Festivals kann es dann aber sinnvoll sein, sich eine klar pointierte Ausrichtung zu suchen. Man kann auch aus Nischen etwas ganz Großes machen.
Eine zugegebenermaßen unfaire Frage: Was waren die tollsten Abende, die Sie in der Philharmonie erlebt haben?
Naske: Das war jeder Abend, an dem es diesen magischen Moment des Einklangs gab zwischen musikalischem Geschehen auf der Bühne und den Menschen im Saal. Das ist der einzige wirkliche Motor, der mich treibt: diese Momente zu suchen. Und die findet man hier bei unserem Publikum oft. Die Leute sind nicht so verwöhnt und nicht so abgeklärt wie anderswo, wo es vergleichbare Programme seit hundert Jahren gibt. Aber sie hören sehr gut.

Die Philharmonie macht nach außen nicht den Eindruck, als sei ein Mangel an Geld ihr Problem. Nun sind aber auch in Luxemburg die Ressourcen nicht beliebig. Was passiert, wenn Staat und Sponsoren den Hahn zudrehen?
Naske: Es ist nicht so, dass wir im Geld schwimmen. Wie arbeiten nach innen sehr betriebswirtschaftlich. Aber wenn wir etwas machen, versuchen wir es so gut wie möglich zu machen. Und das Publikum ist bereit, Qualität auch mitzufinanzieren. DiL/mö
Extra

Er kam im Jahr 2003 in ein kleines Land mit riesigem kulturellen Nachholbedarf. Man vertraute ihm die mit Abstand größte und wichtigste Kultureinrichtung des Landes an - zwei Jahre, bevor dort das erste Konzert stattfand. Er war Geburtshelfer, Ziehvater, Lebensplaner, Gestalter: Die Luxemburger Philharmonie ist fraglos Matthias Naskes Kind. Und daraus ist, wenn man der aktuellen Titelgeschichte des deutschen Klassik-Magazins Rondo trauen darf, ein "Musterknabe" im internationalen Maßstab geworden. Ein Österreicher im Großherzogtum: Das ist auch die Geschichte von einem, der es geschafft hat, die Luxemburger Tendenz zum Provinzialismus mit leichter Hand beiseitezuschieben und - im besten Sinne des Wortes - groß zu denken. Nicht größenwahnsinnig, sondern immer orientiert an dem, was sein Publikum mitzugehen bereit war. Aber auch keine Chance auslassend, dieses Publikum zu fordern und zu formen. Der kleinste gemeinsame Nenner war die Sache des studierten Juristen nicht. Aber intellektuelle Abgehobenheit genausowenig. Dann eher schon eine Prise Wiener (Selbst-)Ironie, freilich ohne selbstgefälligen Schmäh. Ein großgewachsener, gleichwohl feingliedriger Mann, von unaufdringlicher, aber auch unübersehbarer Eleganz. Im Small Talk mit millionenschweren Sponsoren genauso gewandt wie beim Gespräch mit einer Handvoll lokaler Kulturarbeiter in der Trierer Volkshochschule. Ein begnadeter Planer von Reihen und Abonnements, die Zuschauer förmlich ansaugen. Wobei hilfreich gewesen sein dürfte, dass der Hausherr Abend für Abend im Zuschauerraum saß und für Anregungen stets ansprechbar war. Einen Wikipedia-Eintrag hat Matthias Naske übrigens bis heute nicht. Symptomatisch für einen, der sich in der Sache so profiliert, dass das Ego nicht noch extra gefüttert werden muss. Für Luxemburg und die Großregion, auf die er immer offen zuging, war Matthias Naske ein Glücksfall. Man glaubt dem 50-Jährigen, wenn er sagt, dass er gerne noch ein paar Jahre geblieben wäre. Aber Wien war für den geborenen Wiener mit der charmanten Zielstrebigkeit wohl ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte. Dieter Lintz