Einigkeit und Recht und Freiheit

Bernkastel-Wehlen. Die Kammermusik ist bei den Mosel Festwochen eine eher zarte Pflanze, deren Wurzeln im Festivalalltag einer besonderen Pflege bedürfen. Wie sehr dieses Genre das Gesamtbild bereichern kann, zeigte das Streichquartett Villa Musica im Kloster Machern.

Es gibt sie, die zeitgenössische Kammermusik, die keine Fragen nach dem tiefen Sinn aufwirft, die den Zuhörer nicht mit dem Gefühl allen lässt, etwas nicht verstanden zu haben. Volker David Kirchners drittes Streichquartett ist so ein Werk, dessen Uraufführung man bei den Mosel Festwochen im Kloster Machern erleben konnte. In Anwesenheit des 1942 geborenen Kirchners wurde es vom Streichquartett Villa Musica aus der Taufe gehoben. Damit übernahmen Nicolas Chumanchenco und Erika Geldsetzer an den Violinen, Martin Ostertag am Cello und die Bratschistin Eszter Haffner die Verantwortung für die Interpretation. Das Werk ist eine Hommage an den russischen Komponisten Dimitri Schostakowitsch. Allgegenwärtig hat Kirchner dessen Initialen D-Es-C-H, mit denen Schostakowitsch selber seine Werke so gerne kennzeichnete, in seinem Quartett eingebaut. Die Komposition bezeugt, wie intensiv sich Kirchner mit dem Geehrten befasst, wie sehr er dessen Tonsprache verinnerlicht hat. An vielen Stellen konnte man meinen, ein unentdecktes Werk des Russen zu hören.Die drei Sätze sind kein Plagiat. Es ist durch und durch ein Kirchner, der aus seiner Verehrung für den Meister keinen Hehl macht, der mit eigenen Worten all das beschreibt, was ihn an Schostakowitsch begeistert. Profitieren konnte das Opus freilich auch von seinen Ausführenden, die souverän dem Notentext ein mitreißendes Leben einhauchten. Schon nach dem ersten Werk des Abends, Joseph Haydns berühmtes "Kaiserquartett", Opus 76,3, war am Applaus spürbar festzustellen, wie sehr die Musiker überzeugten. Sie musizierten um der Musik, nicht um ihrer eigenen Präsentation willen, legten die Substanzen frei. Ihr Spiel war geprägt von großer Einigkeit untereinander, dem Recht des Komponisten an Werktreue und zugleich von der Freiheit der Ausführenden, eigene Akzente zu setzen. Gleiches galt auch für Antonin Dvoráks As-Dur Quartett, Opus 105, mit dem der Abend beschlossen wurde. Unglaubliche Dichte und Intensität erfüllte den Raum. Den Bravorufen konnte man ihre Berechtigung nicht absprechen. Ein großartiger Abend.

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