Eintauchen in die Gefilde der Nostalgie

Eintauchen in die Gefilde der Nostalgie

TRIER. Die "Legenden des Pop" haben nicht mehr ganz die Anziehungskraft früherer Jahre. Nur knapp 1000 Fans wollten die SWR 1-Nacht mit acht "Klassikern" der 60er und 70er Jahre in der Trierer Arena sehen - sie erlebten alle Höhen und Tiefen der Pop-Musik.

"Ein total merkwürdiges Publikum", sagt Arena-Bühnenchef Uwe Kollmann kopfschüttelnd, "man kennt kaum jemanden". Das ist ungewöhnlich, denn Kollmann kennt eigentlich jeden, der in Trier auf Konzerte geht. Ein Blick auf den Parkplatz sorgt für Aufklärung: 80 Prozent der Autos tragen auswärtige Kennzeichen, von Pirmasens bis Heidelberg, vom Westerwald bis Heppenheim. Oldie-Fans sind Freaks, sie fahren meilenweit für ihre Idole. Das Altersspektrum ist breit: Wer 1965 als 20-Jähriger zu den Hits der "Hermans Hermits" das Tanzbein schwang, geht inzwischen auf die 60 zu, wer Ende der 70er als Zehnjähriger mit Sailors "Girls Girls Girls" seine ersten musikalischen Erfahrungen sammelte, ist gerade mal Mitte 30. Entsprechend ist das Publikum zusammengesetzt. Die Jüngeren bauen sich unten vor der Bühne auf, die Gesetzteren bevölkern den oberen Tribünenrand, der eine gewisse Distanz zu den mächtigen Phonstärken der Anlage bietet. Klugerweise hat man nur den Mittelteil der Arena geöffnet und ihn mit Trennwänden abgeteilt; so fällt nicht auf, wie gähnend leer die Riesen-Halle ist. Nur die beiden großen Video-Leinwände wirken leicht überdimensioniert. Trotzdem ist es einigermaßen gemütlich. Das gilt auch für die Stimmung hinter der Bühne. Star-Allüren leistet sich hier niemand, die Bands sitzen in einem schmucklosen Technik-Raum bei Flaschenbier und Nudeln. Original-Hermans Hermit Barry Whitwam und Original-Rubette Bill Hurd übertreffen sich im Witze-Reißen. In der Regel verfügt jede Band noch über ein, zwei ursprüngliche Mitglieder, die einen Hauch von Authentizität verleihen. Die Stimmung sei früher nicht immer so locker gewesen, erzählt Schlagzeuger Grant Serpell von den Sailors. Inzwischen begreifen sich die alten Herren nicht mehr als Konkurrenz - sie sind Teil eines gemeinsamen Vermarktungs-Paketes, bei dem allerdings keine Super-Honorare zu erwarten sind. Den britischen Humor bekommt der Besucher hinter den Kulissen gratis. "Früher warf das Publikum mit Höschen, jetzt wirft es mit Gebissen", ulkt Grant Serpell. "Und das Schlimme ist: Wir behalten sie, denn wir können sie gebrauchen." Nicht alle sind so relaxt. Les McKeown von der ersten Boygroup der Pop-Geschichte, den Bay City Rollers, trippelt vor seinem Auftritt so nervös hin und her wie ein Rennpferd vor dem Start. Mit 48 noch vom Ruhm des Teenie-Stars zu zehren, ist ein harter Job. Die Band klingt nicht gut auf der Bühne, wirkt verkrampft. Rätselhaft, warum sie vor 30 Jahren in der Lage war, eine ganze Generation in bedingungslose Fans und abgrundtiefe Hasser zu spalten. Die Grenze zwischen Peinlichkeit und Nostalgie ist manchmal fließend. Wenn gesetzte Männer weiße Anzügelchen anziehen, weiße Mützen aufsetzen und sich dann mehr schlecht als recht durch alte Stücke wie "Sugar Baby Love" falsettieren, hat das fast etwas Tragisches. Es geht auch anders. Die Hermans Hermits, bei denen selbst die Mitglieder der zweiten Generation alle schon Mitte 50 sind, verzichten darauf, den Affen zu spielen und überzeugen einfach durch ihre musikalische Qualität. Klarer Sound, exzellenter dreistimmiger Gesang - kein Wunder, dass die Fans nach dem Auftritt neben der Bühne Schlange stehen. Auf der Bühne zeigen derweil die sensationellen "Troggs", dass sie, weit über "Wild Thing" hinaus, zu den innovativsten und kreativsten Bands der Rock-Geschichte gehörten. Sie spielen lupenrein live, wie überhaupt die meisten Gruppen auf allzu viel Sampling verzichten, was allerdings bei manchen dazu führt, dass sie weniger gut klingen als ihre eigenen Cover-Bands. Sechs Stunden Oldies sind schon vorbei, Mitternacht ebenfalls, als Moderator Michael Lueg "Middle of the road" ansagt, mit der Original-Stimme von Sally Carr. Geschätzte 600 Fans haben ausgeharrt. Fast scheint es, als seien die Original-Bands im Vergleich zu Oldie-Partys ein Störfaktor beim Eintauchen in die Gefilde der Nostalgie.

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