| 20:44 Uhr

Eiszeithöhlen werden Weltkulturerbe

FOTO: Marijan Murat (g_kultur
Krakau/Ulm/Bernau. Die älteste Kunst der Menschheit ist in Schwaben zu bewundern: Elfenbein-Statuetten aus der Eiszeit. Ihre Fundorte erklärte die Unesco nun zum Weltkulturerbe. Natalie Skrzypczak und Thomas Burmeister

Krakau/Ulm/Bernau (dpa) Die Entscheidung des in Krakau tagenden Unesco-Komitees war schnell gefällt: Nach knapp 15-minütiger Beratung nahm es die Höhlen der ältesten Eiszeitkunst auf der Schwäbischen Alb in die begehrte Welterbe-Liste auf.
Die sechs Höhlen in Baden-Württemberg gelten als eines der wichtigsten Ausgrabungsgebiete für Archäologen - sie bergen einige der ältesten Kunstwerke der Menschheit: Aus Stoßzähnen gefertigte Miniaturen von Wildpferden, Mammuts, Löwen, Bären und Vögeln sowie Flöten aus Vogelknochen. Zeugnisse einer besonders wichtige Phase der Menschheitsentwicklung, wie Experten betonen. Darüber waren sich auch die Welterbe-Experten einig: Einwände gegen die deutsche Nominierung gab es keine, stattdessen wurde den deutschen Unesco-Delegierten überschwänglich gratuliert.
Jubel herrschte nicht nur in Polen. "Die Auszeichnung ist eine große Ehre", freute sich auch Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) über den Titel. "Die einzigartigen Fundstätten auf der Schwäbischen Alb zeigen, dass die Wiege der Kunst und der Musik im Ach- und Lonetal zu finden ist", fügte er hinzu. Der Unesco-Titel verpflichte Baden-Württemberg nun, dieses kulturelle Erbe der Menschheit zu erhalten, sagte er.
Auch Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) betonte: Dieses Erbe gelte es zu schützen und für nachfolgende Generationen zu bewahren. Die Welterbestätte repräsentiere die kulturelle Vielfalt und Geschichte des Bundeslandes. "Sie ist einzigartig, faszinierend und von überragender Bedeutung", sagte die Politikerin.
Wer die Höhlen besucht, begibt sich auf eine Tour zurück in eine Zeit, da der anatomisch moderne Mensch, der Homo sapiens sapiens, den Neandertaler abgelöst hatte und sich aufmachte, Kunstwerke, Schmuck sowie Musikinstrumente zu schaffen.
Seit sich Forscher Mitte des 19. Jahrhunderts in der Alb ans Graben machten, förderten sie etliche Zeugnisse eines menschlichen Wirkens zutage, das vor rund 40 000 Jahren erstmals klar über Verrichtungen zur Lebens- und Arterhaltung hinausging: Instrumente und Statuen, darunter auch der 31 Zentimeter große "Löwenmensch" - ein Mischwesen zwischen einem aufrechtstehenden Menschen und einem Löwen der davon zeugt, das sich bereits Eiszeitmenschen mit mythischen Glaubensvorstellungen beschäftigten.
In den Eiszeithöhlen fanden Forscher auch die als älteste Frauenfigur geltende "Venus vom Hohle Fels". Die rund 40 000 Jahre alte Figur einer Dame mit enormen Brüsten wurde 2008 bei Grabungen in der Hohlefels-Höhle entdeckt.
2016 erklärte die Unesco die Le-Corbusier-Häuser in der Stuttgarter Weissenhofsiedlung zum Welterbe, die Höhlen der ältesten Eiszeitkunst sind nun für Deutschland der 42. Titel. Zwei weitere könnten während der bis zum 12. Juli andauernden Tagung in Südpolen noch hinzukommen. Naumburg war mit einem Antrag zu seiner Kathedrale und der Hochmittelalterlichen Kulturlandschaft an Saale und Unstrut zum zweiten Mal im Rennen. Die erste Bewerbung hatte das Unesco-Komitee 2015 als zu lang und zu wissenschaftlich befunden und zur Überarbeitung zurückgegeben.
Mit Spannung wurde außerdem die Entscheidung zur Erweiterung der Welterbestätte Bauhaus erwartet. Die Laubenganghäuser in Dessau-Roßlau und die Bundesschule des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes ADGB in Bernau bei Berlin hofften, in die Stätte mitaufgenommen zu werden.
Bisher gehören in Weimar die ehemalige Kunstschule, die ehemalige Kunstgewerbeschule und das Haus am Horn dazu. In Dessau sind es das Bauhausgebäude und die Meisterhäuser. Die Bauhaus-Architektur gilt als Grundstein der Moderne. Der Bauhaus-Gedanke steht für Funktionalität und klare Linien sowie für eine neue Form des Wohnens.