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Emotionale Tiefengrabung

Emotionale Tiefengrabung

Franz Schuberts "Winterreise" gilt als bewegendster Liederzyklus der Musikgeschichte. Die 24 Miniaturen reizen immer wieder zu einer szenischen Umsetzung. In Trier nimmt sich Tanztheater-Chef Sven Grützmacher der melancholischen Tour durch ein frostiges Land an.

Trier. Fremdheit, Verlorensein, Trauer, Zweifel: Für Menschen mit Neigung zu Herbstdepressionen sind die Themen von Schuberts Meisterwerk womöglich dem Wohlbefinden abträglich. Aber wer die Schönheit des Traurigen zu schätzen weiß, wer gerne in emotionale Tiefen abtaucht, für den könnte die neue Trierer Tanztheater-Produktion der Höhepunkt der Saison werden.
Überraschungen sind dabei inklusive. Denn Choreograph Sven Grützmacher legt seiner Interpretation nicht Schuberts Original-Klaviermusik zugrunde, sondern die 1994 entstandene Orchesterbearbeitung des Komponisten Hans Zender für Tenor und kleines Orchester. Sie folgt einerseits präzise den Melodien Schuberts, geht aber andererseits über eine pure Instrumentierung hinaus und setzt eigene Akzente.
Grützmacher sieht das als ideale Voraussetzung für eine Tanztheater-Version. Denn er braucht, was er "Brechungen und Fallhöhen" nennt. Die "Winterreise" zu vertanzen: Darüber denkt er nach eigenem Bekunden schon lange nach. Aber man müsse als Künstler "den richtigen Zeitpunkt finden" und eine "gewisse Lebenserfahrung mitbringen". Sonst drohe Schuberts Romantik "in den szenischen Kitsch wegzurutschen, und das will ich nicht".
Grützmacher setzt da - neben seinem Tanz-Ensemble - ganz auf seine Hauptfigur, den jungen Tenor Christian Sturm. Der gebürtige Mayener, der seine Theaterkarriere in Koblenz begann, gibt den Erzähler, manchmal aber auch den Hauptakteur von Schuberts Liedern, als Wanderer durch unwirtliche Landschaften.
Man hört Sturm die Begeisterung für seine Rolle an. Er hat die "Winterreise" schon ganz klassisch gesungen, im Frack und mit Klavierbegleitung. Aber die getanzte Ausgabe, zumal mit Zenders lautmalerisch zugespitzter Musik ("mit Hitchcock-Charakter"), könne Schuberts Kunst "ein bisschen näher an unsere Zeit holen" und "unglaublich faszinierende Dinge hervorbringen". Ein Angebot, das auch neue Zuschauer ins Theater locken könne. Der Mittdreißiger, der fest in Wuppertal engagiert ist, schwärmt auch von der optischen Umsetzung durch Grützmacher, der diesmal das Bühnenbild als, wie er es beschreibt, "schwebenden, etwas surrealen Raum" selbst gestaltet hat. Es sei, sagt Sturm, "echt schade, dass ich das Ganze nicht vom Zuschauerraum aus sehen kann". Da hat es das Trierer Publikum ab Samstag besser. Die Arbeit von Grützmacher, dem frisch gekürten Träger der Trierer Theatermaske 2013, ist neun Mal im Großen Haus zu sehen.
Premiere am 12. Oktober um 19.30 Uhr. Weitere Vorstellungen: 19., 26., 29. Oktober; 6., 29. November; 7. Dezember; 4. und 17. Januar.