Enorme Qualität

Eine außergewöhnliche Koproduktion feierte im Rahmen der Kulturhauptstadt am Wochenende Premiere: Studenten der Unis Trier, Saarbrücken, Luxemburg, Nancy und Metz haben gemeinsam mit Luxemburger Schauspielprofis und Musikern des dortigen Konservatoriums Brechts "Dreigroschenoper" produziert. Mit sehenswertem Erfolg.

Luxemburg. Altes Schlachtschiff in neuen Gewässern: Die Dreigroschenoper spielt in einer vergammelten U-Bahn-Station, Bettlerkönig Peachums Zentrale ist ein trister Klamottenladen in einer heruntergekommenen Passage, die Wohnungsausstattung für Mackie Messer und seine frisch angetraute Polly stammt aus der aktuellen Geiz-ist-geil-Sonderangebotsliste und umfasst Computer, DVD-Player und Groß-Flachbildschirm statt gepflegtem Mobiliar.Das sind pfiffige, zeitgemäße und keineswegs aufgepfropfte Akzente, die Ausstatterin Jeanny Kratochwil dieser "Dreigroschenoper" verpasst. Wenn schon eine Produktion mit Studenten, warum dann nicht in einem Ambiente, das Brechts Stück herausholt aus dem Antiquitätenladen, mag sich Regisseur Claude Mangen da gedacht haben. Aber der Augenschein trügt. Auch wenn die ästhetische Anmutung rau und bisweilen etwas punkig herüberkommt, ist die Inszenierung unterm Strich durchaus traditionell. Wo beispielsweise die gerade zu Ende gespielte Trierer Produktion auf fast puristische Weise die Handlung auf den Kern und die Personen auf absurde Charaktermasken reduziert, lässt Mangen pralle, deftige, lebendige Typen aufmarschieren. Ein dankbarer Job für das Ensemble, bei dem sich die erste Luxemburger Schauspiel-Garde präsentiert. Jules Werner ist ein junger, hungriger, spannender Mackie Messer, abseits der bekannten Klischees. Jean-Paul Maes liefert als Peachum die exzellente, augenzwinkernde Studie eines spießigen kleinen Einzelhändlers, der stets über die schlecht gehenden Geschäfte lamentiert, für einen guten Deal aber notfalls über Leichen geht.

Besser als Brecht erlauben würde

Christine Reinhold setzt als Mrs. Peachum einen ironischen, fast durch Understatement geprägten Akzent gegen die ansonsten meist überkandidelte Anlage ihrer Rolle. Und Sascha Ley singt als Spelunkenjenny so unverschämt gut, dass man sich fragt, ob das nicht viel besser ist, als Brecht/Weill eigentlich erlauben. (Übrigens, Tipp am Rande: Die Dame wäre mit ihrem aktuellen Lieder- und Jazzprogramm eine ideale Bereicherung für den Trierer Sommertreff im Kulturhauptststadt-Jahr).

Dass die beteiligten Studenten mit dieser profilierten Darsteller-Truppe mithalten, zeigt die enorme Qualität des Projekts und die Arbeit, die in der Vorbereitung steckt. Allen voran die Trierer Studentin Lotte Nawothnig als selbstbewusste Polly Peachum, die ebenso wie Alessa Böbels Lucy nicht nur spielen, sondern auch singen muss und diese Herausforderung überzeugend meistert. Stark das deutsch-französische Gangster-Quartett mit dem Trierer Ben Everding als Münzmatthias, das mit seinen gelegentlichen Sprachwechseln Saar-Lor-Lux-Flair in die Produktion bringt. Souverän zweisprachig auch die Damen vom horizontalen Gewerbe (aus Trier dabei: Lisa Meyer und Simone Peters). Gelegentlich hätte der Abend eine etwas höhere Drehzahl brauchen können. Aber dann wäre die sorgsame Balance zwischen Profis und Talenten wohl auseinander geflogen. Insofern war es eine kluge Entscheidung, auf Höchstgeschwindigkeit zu verzichten. Das gilt genauso für das junge, aber erstaunlich souveräne Orchester unter Leitung von Ivan Boumans. Die Produktion ist in dieser Form noch allabendlich bis zum 20. April im Grand Théatre zu sehen. (Karten: 00352/4708951). Dann geht sie - ausschließlich mit Studenten besetzt - auf Tour und gastiert unter anderem am 13. Mai im Audimax der Uni Trier.

Stichwort

Die Dreigroschenoper stammt von Bertolt Brecht mit Musik von Kurt Weill. Uraufführung war am 31. August 1928 in Berlin. Sie wurde äußerst erfolgreich, einige Musiknummern wie "Mackie Messer" wurden sogar Welthits. Ursprung ist die "Beggar's Opera" von John Gay und Johann Christoph Pepusch aus dem Jahr 1728. Im Gegensatz zur klassischen Oper ist die Dreigroschenoper ein politisches Theaterstück mit 22 Gesangsnummern, die von Schauspielern gesungen werden. (hpl)