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Entdeckungsreise in die Musiktheater-Welt

Entdeckungsreise in die Musiktheater-Welt

Ausrufezeichen hinter eine risikofreudige Spielzeit: Als letzte Musiktheater-Premiere der Saison steht am Samstag "The Voyage" des Amerikaners Philip Glass auf dem Programm. Zum ersten Mal lernt das Trierer Publikum einen der profiliertesten Opern-Komponisten der Gegenwart kennen.

Trier. Als die Metropolitan Opera New York im Herbst 1992 den 500. Jahrestag der Entdeckung Amerikas feierte, vergab sie den wohl teuersten Kompositionsauftrag in der Geschichte des Musiktheaters: 325 000 Dollar erhielt der Komponist Philip Glass für eine Oper über Christoph Columbus. Wer Filmmusik für Hollywood-Streifen mit Nicole Kidman, Johnny Depp, Jim Carey, Ewan McGregor oder Meryl Streep schreibt, ist eben nicht ganz billig zu haben. Glass, sagenumwobener Mitbegründer der "Minimal Music" (siehe Extra), entschloss sich, mit "The Voyage" ("Die Reise") keine Columbus-Biographie zu komponieren, sondern einen Dreiakter über das Entdecken, das Aufbrechen in neue Welten, das Finden und das Scheitern. Im ersten Akt - er spielt in der Eiszeit - landet ein fremdes Raumschiff auf der Erde, die Besatzung zerstreut sich. Im zweiten Akt macht sich Columbus auf die Suche nach Amerika, im dritten Akt, angesiedelt im Jahr 2092, entsendet die Erde Astronauten in eine fremde Zivilisation - mit Hilfe von technischem Equipment der Außerirdischen aus der Eiszeit. Glass lässt Platz für Fantasie. "Man kann sich viel ausdenken", sagt Regisseurin Birgit Scherzer. Ein guter Grund, die erfahrene Tanztheater-Choreografin mit der Inszenierung zu beauftragen, deren Arbeiten "Requiem", "Hoffmanns Erzählungen" und "Alles weiß ich - alles" zum Besten gehörten, was in den vergangenen Jahren in Trier zu sehen war. Arbeit mit Projektionen

Scherzer arbeitet mit Projektionen, schafft Atmosphäre durch den Einsatz von Chor und Ballett, verbindet gerne die Entdeckung neuer Außenwelten mit der Erforschung der menschlichen Innenwelt. Ganz im Sinne von Philip Glass, dessen Musik nicht gerade für "Action" steht. "Wir feilen intensiv an Farben und Stimmungen", erzählt Dirigent Valtteri Rauhalammi. Das sei eine "enorme Konzentrationsarbeit" für die Philharmoniker, die bei der Vorbereitung oft in kleinen Gruppen gearbeitet haben. Das Orchester ist groß besetzt, vor allem bei den Rhythmus-Instrumenten. Glass arbeitet mit tonaler, oft sehr harmonischer Musik, vor allem die Sänger dürfen sich über richtig schöne Arien freuen. Aber dann gibt es auch wieder lange Passagen, in denen sich Rhythmen wiederholen. Mal vermeint man das melodische Genie von Mozart herauszuhören, mal den Abwechslungsreichtum eines Dieter-Bohlen-Hits. Mal "groovt und rockt es", wie Rauhalammi sagt, mal braucht man Geduld. Dann kann die Musik, da sind sich Regisseurin und Dirigent einig, "einen großen Sog und eine unglaubliche Suggestion entwickeln". Berührungsängste vor zeitgenössischer Klassik brauche man auf keinen Fall zu haben, versichern Scherzer und Rauhalammi. Tatsächlich: Die Musik von Philip Glass ist keine Domäne für intellektuelle Partitur-Fetischisten. Sonst hätte ihn Hollywood schwerlich mit zwei Oscar-Nominierungen und einem Golden Globe geehrt.Premiere 30. April, 6., 10., 14., 21., 25. Mai; 3. Juni. Bühnenbild: Knut Hetzer, Kostüme: Alexandra Bentele. Mit Svetislav Stojanovic, Joana Caspar, Evelyn Czesla, Carlos Aguirre, Claudia-Denise Beck, Laszlo Lukacs/Alexander Trauth, Vera Ilieva, Pawel Czekala. PHILIP GLASS

Minimal Music ist eine Stilrichtung der zeitgenössischen Klassik mit Querverbindungen zu Pop, Filmmusik und Techno. Entscheidende Elemente sind vielfältige Wiederholungen der gleichen Tonfiguren mit minimalen Variationen, klare Rhythmik, harmonische Tonarten, geringe Dramatik, breite Klangteppiche, Spiel mit Raum und Zeit. Bekannte Vertreter sind die Komponisten John Adams, Philip Glass, Steve Reich und Michael Nyman, aber auch Pop-Künstler wie der französische Filmmusiker Yann Tiersen ("Die fabelhafte Welt der Amélie"). Den Stil des 1937 geborenen Philip Glass beschrieb treffend der Regisseur Peter Sellars: "Das ist wie eine Zugfahrt quer durch Amerika: Wenn Sie aus dem Fenster sehen, scheint alles immer gleich zu sein, doch wenn Sie genau schauen, merken Sie, dass sich die Landschaft langsam, fast unmerklich verändert". DiL