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Kultur
Neuer Mann, neues Spiel, neues Glück

Trier. Er bringt Joshua Sobols „Marx’ Bankett“ zur Uraufführung am Theater Trier. Von Rainer Nolden

Die Theatersaison beginnt, nicht überraschend, mit dem Thema, das die Stadt schon seit Monaten beschäftigt, teilweise für Schnappatmung sorgt: mit Karl Marx. Manfred Langner, der neue Chef des Hauses, hat auch gleich ein ganz großes Fass aufgemacht, indem er einen der bedeutendsten zeitgenössischen Dramatiker gebeten hat, ihm den Stoff für seine Einstandspremiere zu liefern. Der Israeli Joshua Sobol („Weiningers Nacht“, „Ghetto“, die bekanntesten von mehr als einem halben Hundert seiner Theaterstücke) hat ein Auftragswerk für Trier verfasst: „Marx’ Bankett“. In der Ankündigung wird es so beschrieben: „Der Zuschauer wird Augenzeuge und Teilnehmer an einem fiktiven ,banquet révolutionnaire‘ (…) bei dem leidenschaftliche Reden gehalten, revolutionäre Lieder gesungen und politische Debatten geführt wurden. (…) Gegner wie Befürworter (entwickeln) ein komplexes Panorama um Karl Marx und den Marxismus.“

Herr Langner, klingt kompliziert. Erwartet den Zuschauer ein Volkshochschulabend?

Manfred Langner: Um Gottes willen, nein. Das soll es auf keinen Fall werden – nichts gegen die Volkshochschule! Das Thema ist anspruchsvoll, es ist auch sehr politisch, aber wir wollen keinen akademischen Theaterabend und kein Philosophieseminar daraus machen. Ein Philosophieprofessor würde sich – hoffentlich – amüsieren, aber vielleicht auch sagen ,Da muss man doch mehr in die Tiefe gehen‘. Das können und wollen wir nicht leisten. Aber wir wollen, dass die Menschen sich Gedanken darüber machen, ob Karl Marx völlig überholt, ein alter Hut ist, nie recht gehabt hat oder aber aktueller ist denn je und viel mehr beachtet werden sollte. Vielleicht tun wir dem Philosophieprofessor nicht Genüge – aber der „normale“ Zuschauer mit seinem Unterhaltungsbedürfnis soll dem Stück folgen können.

Haben Sie sofort an ein Marx-Stück für Ihren Start gedacht, als Sie Ihren Intendantenvertrag unterschrieben haben?

Wir sind ja ein Bestandteil des Trierer Kulturlebens, und ich habe mich gewundert, warum das Theater in der vergangenen Spielzeit nichts zu dem Thema auf die Bühne gebracht hat. Da fand ich es schon angebracht, die Saison damit einzuläuten. Gleichzeitig gibt es mir die Chance, vielleicht noch einmal einen anderen Aspekt von Marx zu zeigen.

Welchen?

Mich hat an Marx nicht so sehr die reine Historie interessiert, auch wenn sie natürlich ein Teil des Stückes ist, sondern: Was bedeutet uns Marx heute? Was ist das Interessante an Marx? Oder ist er passé, nur noch Geschichte? Diese Frage in unserer heutigen Gesellschaft zu diskutieren – das finde ich spannend.

Warum Joshua Sobol als Autor? Bei der Durchsicht seiner Stückliste findet sich nicht viel Marxistisches.

Ich kenne Joshua Sobol recht gut; ich habe einige seiner Stücke inszeniert, darunter zwei Uraufführungen. Was seine Marx-Kenntnisse angeht: Er hat an der Sorbonne Philosophie studiert und ist auch mit den Marx’schen Gedanken sehr vertraut. Natürlich haben ihn auch dessen jüdische Wurzeln interessiert. Da waren also schon einige Punkte, an denen er ansetzen konnte.

Haben Sie das Stück gemeinsam erarbeitet?

Es ist schon sein Stück, ich will mich da nicht mit fremden Federn schmücken. Wir haben nur die Vereinbarung getroffen, dass ich es für die Stadt bearbeiten kann, also quasi ein „Trierer Stück“ daraus machen darf.

Nun gibt es hier ja schon seit einigen Monaten einen „Marx-Overkill“. Es vergeht keine Woche ohne mindestens einen „Marx-Event“. Was haben Sie im Köcher?

Ich habe natürlich nicht alles gesehen, was in Trier zum Thema gezeigt wurde. Aber mit unserem „Marx’ Bankett“ wollen wir auch mit einem Augenzwinkern auf den Marx-Hype anspielen, der bis zur Marx-Badeente reicht. Ausgangspunkt unseres Stückes ist übrigens das neue Marx-Denkmal; der Streit darum kommt ebenfalls zur Sprache. Und, das ist ja das Schöne am Theater, wir können zwischen den Jahrhunderten hin- und herspringen.

So dass Karl Marx auf Sahra Wagenknecht trifft?

Wäre sicherlich auch interessant gewesen. Aber dafür haben wir zwei metaphorische Figuren, die durch alle Zeitebenen wandern und sich für beziehungsweise gegen Marx aussprechen. Die Frau vertritt eine extreme Form des Kapitalismus. Sie betrachtet sich als Anhängerin von Ayn Rand (1905 – 1982), einer russisch-amerikanischen Autorin, die für einen radikalen Liberalismus stand. Sarah Palin oder Paul Ryan beziehen sich auf diese Frau. Dazu gibt es einen Gegenspieler, der im Stück Thomas Piketty heißt, ein Neo-Marxist und Autor von „Das Kapital im 21. Jahrhundert“, der aber nicht wie der französische Wirtschaftswissenschaftler aussieht, sondern eher wie der junge Daniel Cohn-Bendit.

Das hört sich alles sehr intellektuell an. Glauben Sie, dass Sie das Publikum bis zum Schluss bei der Stange halten können?

Natürlich. Sonst würde ich es ja nicht machen. Klar, es ist inhaltlich anspruchsvoll; trotzdem versuchen wir, es komödiantisch und unterhaltsam zu halten. Wir werden uns Marx auf verschiedene Weisen nähern, auch musikalisch. Es ist ein Stück über Marx und über unseren Umgang mit Marx. Und das kann durchaus auch komisch sein.

Es darf also auch gelacht werden?

Ich bitte doch sehr darum!

Die Fragen stellte Rainer Nolden

„Marx’ Bankett“: Uraufführung am Samstag, 15. September, 19.30 Uhr im Großen Haus des Theaters Trier; Karten: 0651 / 718 1818.