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Bitburg
Er schreibt, um sich zu wehren

Stefan Hertmans berichtet über die Entstehungsgeschichte des Romans.
Stefan Hertmans berichtet über die Entstehungsgeschichte des Romans. FOTO: TV / Eva-Maria Reuther
Bitburg. Der belgische Autor Stefan Hertmans war Gast beim Eifel-Literatur-Festival. Von Eva-Maria Reuther

Bücher sind Räume, in denen Autoren Welten erschaffen, in deren fiktiven Verhältnissen der Leser Gegenwart erkennen kann. Einer dieser Autoren ist Stefan Hertmans. Als erster Vertreter belgischer Literatur war der Schriftsteller am Freitag mit seinem Roman „Die Fremde“ zu Gast beim Eifel-Literatur-Festival. Zurecht bedauerte Festival Chef Joseph Zierden, dass die Literatur aus dem Nachbarland hierzulande wenig bekannt ist.

So auch Hertmans, der zu den wichtigsten Autoren der belgischen Gegenwartsliteratur gezählt wird. Gleichwohl sind nur wenige Titel seines umfangreichen, vielfach ausgezeichneten Werks ins Deutsche übersetzt. Umso mehr freute sich Zierden über die etwa 200 Gäste im Haus Beda, die zum Teil von weither angereist waren. Der 1951 in Gent geborene Flame mit dem schmalen ernsten Gesicht, das ein wenig an die Porträts der berühmten flämischen Altmeister erinnert, ist ein umtriebiger Mann im Geist wie im wirklichen Leben. Das war einmal mehr in Bitburg zu erfahren.

Längst hat er die Vielfalt der Welt erkannt und verinnerlicht, lange bevor sie sich zeitgeistig als Diversität auswies. Nicht nur, dass der Autor im Süden des multikulturellen brodelnden Biotops Brüssel lebt, auf Niederländisch schreibt und in Amsterdam verlegt wird. Ganz offensichtlich hat ihn auch die Geschichte seines Landes geprägt, die von Vereinnahmungen und vieler Art Identitäten bestimmt ist. „Wir leben in einer Zeit des Übergänge“ hat er einmal in einem Gespräch festgestellt. Und damit war nicht nur die Vorläufigkeit der Aktualität gemeint, sondern auch die gegenseitige Durchdringung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Von alten Verhältnissen und Schicksalen, die – das begreift der Leser unmittelbar – ihr zeitgenössisches Pendant in den Glaubenskriegen und Flüchtlingsströmen dieser Zeit haben, erzählt Hertmans in seinem Buch „Die Fremde“. Es ist die Geschichte der jungen Christin Vigdis, die sich in den Talmud-Studenten David verliebt. Die Tochter einer vornehmen normannischen Familie, aus dem Rouen des 11.Jahrhunderts, konvertiert zum Judentum, nimmt den Namen Sarah an, flieht mit David, der sie zärtlich Hamutal nennt, ins südfranzösische Narbonne und heiratet ihn. Für Hamutal beginnt eine schreckliche Zeit der Fremdheit, der Flucht, der Verfolgung, der Gewalt und des Todes, an deren Ende eine Odyssee durch den Mittelmeerraum bis nach Kairo folgt, auf der Suche nach ihren Kindern. Auf den ersten Blick hat Hertmans einen historischen Roman geschrieben. Allerdings ist es keiner, der eine vorgeblich authentische Kulissenwelt schafft. Hertmans bleibt stets als Autor auf Distanz, der seine Geschichte als künstlerische Vorstellung verstanden haben will. Das wird gleich im einführenden Kapitel deutlich, aus dem er liest. Was er im Buch durchhält, tut er einmal mehr in Bitburg. Und so wird dieser spannende Abend auch weit mehr als ein üblicher Leseabend. Hertmans nimmt seine Zuhörer mit in die Entstehungsgeschichte des Romans. Ausgerechnet die Erkenntnis, dass sein Ferienort Monieux in der französischen Provence einst nicht nur eine jüdische Gemeinde besaß, sondern auch Schauplatz blutiger Progrome war, sowie ein tausend Jahre altes Dokument der Universität Cambridge, gefunden in Kairo, hatten sein Interesse geweckt. Auf dem beschädigten Schriftstück war von der unglückliche Frau die Rede, die seine Heldin wurde. Anhand von Fotos und Landkarten ist Hertmans in Bitburg einmal mehr mit seinem Publikum unterwegs auf den Spuren Hamutals bis hin nach Ägypten, erzählt von seinen Recherchen zu Judentum, Islam und den historischen Fakten. Nicht nur das. Der belgische Autor verhandelt auch die Fragen nach Erinnerung und Gedächtnis, nach Authentizität und dem Verhältnis des Autors zu seinen Figuren und schlägt die Brücke aus der Vergangenheit in die Jetztzeit. „Nichts ist schlimmer als unkontrollierte Gewalt“ – das bleibt für Hertmans zeitlos aktuell. Wäre da noch die Frage nach dem Grund seines literarischen Arbeitens. Natürlich geht es auch dem Flamen um Bewusstwerdung. Aber nicht nur das. „ich schreibe auch, um Schönheit zu schaffen“, erklärt Hertmans, „um sich gegen die Welt zu wehren“.

Stefan Hertmans liest in Bitburg aus seinem Roman „Die Fremde“.
Stefan Hertmans liest in Bitburg aus seinem Roman „Die Fremde“. FOTO: TV / Eva-Maria Reuther