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Erst Psychokampf, dann Abendbrot

Erst Psychokampf, dann Abendbrot

Senta Berger erhält beim Krimifestival "Tatort Eifel" den Filmpreis Roland, beim Gala-Abend am Samstag, 19. September (der TV berichtete). Im TV-Interview gibt sie Auskunft über die Eifel, das Fernsehen und die Arbeit an der ZDF-Serie "Unter Verdacht". Die Fragen stellte unser Reporter Fritz-Peter Linden.

Daun. (fpl) Frau Berger - zunächst: herzlichen Glückwunsch zum "Roland". Wie war es, davon zu erfahren?

Senta Berger: Natürlich ist es immer schön, wenn deine Arbeit beachtet und anerkannt wird. Ei ne Auszeichnung ist auch immer eine große Ermutigung.

Jetzt reisen Sie schon zum zweiten Mal in die Eifel, nach Ihrem Besuch beim Literaturfestival vor drei Jahren. Viele werden sich auf Ihre Rückkehr freuen - kommen Sie gern zurück?

Berger: Diesen Tag in der Eifel - ich habe, glaube ich, aus meinem Buch "Ich habe ja gewusst, dass ich fliegen kann" gelesen - habe ich als einen besonders schönen Sommertag in Erinnerung. Die Fahrt dorthin war herrlich, das Publikum am Abend sehr gut gelaunt und aufmerksam. Ich freue mich, zurückzukommen.

Senta Berger, Hannelore Hoger, Iris Berben, Ulrike Folkerts, Andrea Sawatzki, die Liste ist noch länger - stimmt das überhaupt noch, dass man jenseits der 40 keine guten Rollen mehr bekommt?

Berger: Sie führen doch selbst den Beweis, das dem nicht so ist. Es kommt doch darauf an, welche Geschichten erzählt werden und welchem Publikum. ProSieben wird seinem Zielpublikum keine Geschichte von zwei 60-Jährigen erzählen wollen, aber das ZDF vielleicht schon. Das hat nichts mit Jugendwahn zu tun, sondern sehr oft damit, dass "Romeo und Julia" unvergänglich sind und uns berühren. Dass Menschen, die am Anfang ihres Lebens stehen, zumeist ganz andere und dramatischere Dinge erleben als 60-Jährige, die ihr Leben zumeist schon geordnet haben. Das Schöne an meinem Beruf ist, dass man nicht in Rente gehen muss. Man kann spielen. Und gut spielen. Aber keine Zwanzigjährige mehr.

Frau Prohacek hat es in "Unter Verdacht" ja nun wirklich nicht einfach. Wie groß ist eigentlich der Spaß an der Arbeit, wenn dabei doch meist furchtbare Dinge verhandelt werden?

Berger: Das trennt man natürlich. Ich kenne das Buch, die Handlung, ich weiß , was auf mich zukommt. Meine Aufgabe nun ist es, die Geschichte zu transportieren. Und dazu lasse ich mir viel einfallen. Es macht Spaß. Ich verwechsle Filmhandlung und das wirkliche Leben nicht. Ganz egal, was die Eva Prohacek tagsüber erlebt hat, am Abend geht die Senta nach Hause und macht Abendbrot.

"Unter Verdacht" wird von einem starken Ensemble getragen. Gerade zwischen Frau Prohacek und ihrem Gegenspieler Claus Reiter (Gerd Anthoff) sprühen die Funken herzlichster Abneigung. Wie ist es, mit einem solchen Kollegen zu spielen?

Berger: Rudolf Krause und Gerd Anthoff sind meine Lieblingspartner. Wir sind aufeinander eingestimmt wie ein kleines Orchester, ein Trio. Ich freue mich immer schon auf sie.

Morgens mit Bauchweh zur Arbeit zu gehen …weil man da auf einen schrecklichen Kollegen oder Chef treffen wird. Dieses Gefühl kennen viele. Haben Sie das in Ihrer Arbeit auch einmal erlebt?

Berger: Natürlich. Lampenfieber verlässt einen nie. Es wird mit den Jahren immer größer. Die Nerven werden dünner. Man weiß weiß, dass Ermutigung, Erfolg und Ernüchterung und Misserfolg ganz nahe beieinander liegen - also ist man auf der Hut. Immer gespannt. Immer angespannt. Es gibt nicht diese hierarchische Ordnung, wie sich das ein Außenstehender vielleicht vorstellt: Der Regisseur ordnet an, und der Schauspieler führt aus. Also in diesem Sinne gibt es keinen Chef, und schon gar nicht einen, vor dem man sich fürchten muss. Man fürchtet eher die eigene Unzulänglichkeit.

Dietmar Bär, einer der Roland-Juroren, hat ihre große Glaubwürdigkeit gerühmt -"egal, ob sie eine Taxifahrerin spielt oder eine Ermittlerin". Was kommt denn bei Ihnen nach der Ermittlerin?

Berger: Das kann ich nun wirklich nicht wissen. Eines ist sicher: In ein paar Jahren geht die Prohacek in Pension. Aber bis dahin hat sie noch viel zu tun.

In der Vorbereitung des Interviews habe ich mir notiert: "Fliegen, ohne abzuheben" (in Anspielung auf den Titel Ihrer Autobiografie). Wäre das ein korrektes Motto für Ihre Arbeit und bisherige Laufbahn?

Berger: "Abheben", das heißt ja wohl, einer hat den Sinn für Realität verloren. Das stimmt, das habe ich nie. Ich war von Anfang an immer sehr skeptisch. Erbe meines Vaters. Das hat mich davor bewahrt, alles zu glauben, was über mich, schon in sehr jungen Jahren, geschrieben worden ist, in der Art von "A Star is Born". Ich habe damals schon gewusst, dass dieser wunderbare, nicht fassbare Beruf sehr viel Arbeit erfordert und Disziplin. Und dass man sehr bei sich selber bleiben muss, gerade weil man in der Öffentlichkeit steht. In diesem Sinn habe ich nicht abgehoben.