Erste Tanzproduktion der Spielzeit: Roberto Scafatis Ballett "Carmen/Bolero"

Theater : Carmen/Bolero in Trier: Auf in den Kampf um Leben und Tod

Am Theater Trier hat als erste Tanz-Produktion der neuen Spielzeit Roberto Scafatis Ballett „Carmen/Bolero“ Premiere.

„Ja die Liebe hat bunte Flügel“– wenn Carmen ihre wilde erotische Habanera anstimmt, geraten auch die Damen und Herren im Parkett schon mal ins Flattern. Die Geschichte von der feurigen Spanierin, die im Wald von Sevilla undurchsichtige Geschäfte macht und die Männer nach Lust und Laune verschleißt, gehört heute zu den beliebtesten Musiktheaterstücken überhaupt. Wie die Geschichte ausging, weiß man, natürlich übel mit ein paar Toten und etlichen ruinierten Existenzen. Bei ihrer Premiere 1845 in Paris fiel Georges Bizets gleichnamige Oper, deren Libretto auf einer Novelle des Franzosen Prosper Mérimée basiert, übrigens durch. Zu realistisch, entrüstete sich das Publikum.

Im Theater Trier wird diesmal allerdings nicht von der wilden unbezähmbaren Liebe gesungen, sondern getanzt. Für das Tanzensemble des Hauses hat Roberto Scafati die Oper, die bereits mehrmals für Ballett adaptiert wurde, als Tanzstück neu gefasst. Am Samstag hat das Ballett Premiere. In seiner neuen Arbeit stützt sich der Choreograph auf Rodion Schtschedrins gleichnamige Ballett-Suite, die der russische Komponist für seine Frau Maja Plissettskaja schrieb. Als Primaballerina am Bolschoi Theater in Moskau tanzte sie 1967 die Carmen in der Uraufführung. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass auch die Suite beim Premierenpublikum nicht ankam. Was dem gutbürgerlichen Pariser Publikum zu nah am Volk war, war dem prüden kommunistischen zu gewagt. „Zuviel nackte Beine“, lautete die Kritik. Ihrer Carmen ebenbürtig trotzte Plissettskaja dem Sturm: „Ich werde weitertanzen.“ Nackte Beine regen heutzutage niemanden mehr auf, und mit plattem Realismus ist in Scafatis Produktion auch nicht zu rechnen. Stattdessen geht es dem Choreographen um Existenzielles soll heißen um die Sinnfrage nach Leben und Tod. „Natürlich will auch ich die Geschichte von Liebe, Leidenschaft und Eifersucht erzählen“, sagt der Choreograf. Genauso wichtig sei ihm allerdings auch, die „Verschränkung von Tod und Leben“ zu reflektieren, die auch im Drama um Carmen schicksalhaft das Geschehen vorantreibt. „Leben und Tod ist ein endloser Kreislauf“, weiß Scafati. Den musikalisch zum Klingen zu bringen, hat der Ballettchef Maurice Ravels spiralenartig um sich selbst kreisenden „Bolero“ in seine Choreographie integriert.

Als Prolog soll gleich eingangs Arvo Pärts meditative Komposition „Fratres“ hinaus in eine andere trans­zendentale Dimension verweisen, die über das im Irdischen verhaftete Drama  hinausgeht. Im Gespräch mit dem Choreographen wird sogleich seine klare Haltung zum Thema Tod und Leben klar. „Man muss vor dem Tod keine Angst haben, sagt Scafati und seine Stimme klingt gleichermaßen ernst wie ihrer Sache sicher. „Er gehört zum Leben.“ Für den Ballettchef ist Carmen eine Frau, die das Leben selbstbestimmt und lustvoll genießt und den Widrigkeiten trotzt, ohne den Tod auszublenden. Ein selbstbewusster, eigenständiger Mensch, der, um es mit dem Philosophen Seneca zu sagen, „genug leben“ will, bevor er stirbt. In diesem Sinn wird auch der Bolero zum Grenzgang zwischen irdischem Leben und befreiter trans­zendentaler Erfahrung. Also „auf in den Kampf“, sprich ins Theater zur Premiere. Die musikalische Leitung hat Wouter Padberg.

Carmen/Bolero, Premiere 12.10., 19.30 Uhr Theater Trier, Großes Haus. Weitere Termine: 19.10., 22.11.,17.12., jeweils 19.30 Uhr

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