Erste Zwischenbilanz einer aufregenden Theatersaison in Trier - Weniger Besucher

Erste Zwischenbilanz einer aufregenden Theatersaison in Trier - Weniger Besucher

Viele überraschende Nachrichten, reichlich Turbulenzen und so manche künstlerische Sternstunde hat das Theater Trier in der laufenden Saison geboten. Allerdings kamen bisher deutlich weniger Besucher als zuvor. Eine Tatsache, die den neuen Intendanten Karl Sibelius nicht beunruhigt.

Trier. "Verrückt Euch!" Mit diesem Motto ist das neue Team des Theaters Trier im September 2015 angetreten - und machte die Saison zu einer der turbulentesten, die das Trierer Traditionshaus bisher erlebt hat. Nichts, was es in dieser Saison nicht gab. Außer Langeweile.

Saftige Skandalinszenierungen ("Molière", "Fidelio"), neue Spielstätten, ein höchst emotionaler Streit um die Stelle des Generalmusikdirektors Victor Puhl (dessen Konzerte nicht nur verlässliche Publikumsmagneten sind, sondern regelmäßig wahre Begeisterungsstürme hervorrufen), eine überraschende Kehrtwende bei der lang diskutierten Frage, ob das Theater abgerissen oder saniert wird, eine Hängepartie bei der Gründung der neuen Theatergesellschaft, künstlerische Sternstunden für Trier ("Rent", "Nemmokna", "Der Zauberberg", "Sweeney Todd"), Ärger wegen einer Urheberrechtsverletzung ("Rent"), Stücke, die floppten ("Das Wintermärchen", "Marx I") und schließlich der Streit um das abgesagte Großprojekt "NeroHero". "Es gibt derzeit keinen spannenderen Ort in der deutschen Theaterlandschaft", sagt Intendant Karl Sibelius. Und es ist gut möglich, dass er recht hat.

Auch Sibelius selbst hat sich verrückt. Weil so viele seiner Mitarbeiter in Büros ohne Fenster saßen, teilt er sich nun einen kleinen Raum mit Verwaltungschefin Yvonne Mich. Dort gewährt er dem TV - wenige Wochen vor der Präsentation des neuen Spielplans - schon einen kleinen Einblick in das, was das Trierer Publikum in der kommenden Saison erwartet: große Namen. Goethe, Hesse, Grimms Märchen. Ein Zurück zu den Wurzeln. Die "Phase des Stücke-Zertrümmerns", die "Performance-Kultur" sei für ihn vorbei, sagt der Intendant. Das Trierer Publikum sei durchaus offen, aber es wolle sich nicht vor den Kopf stoßen lassen. Schluss mit Belehrtheater. Schluss mit provokanten Plastikpimmeln (die Sibelius schon in der skandalträchtigen und dennoch überregional gewürdigten "Fidelio"-Inszenierung missfielen). Eine neue Bühne im Walzwerk soll es künftig geben, eine Kindertheaterbühne im ehemaligen Studio, eine Aufführung in den Viehmarktthermen und neue Kooperationen. Doch Stopp. Zurück. Wie lief denn die Saison überhaupt?

Wie Sibelius dies angesichts des Intendantenwechsels von Anfang an prophezeit hatte, sind die Besucherzahlen zurückgegangen. In der Ära Weber waren zwischen dem 1. September 2014 und dem 31. März 2015 genau 69 146 Besucher im Theater. Im gleichen Zeitraum des Folgejahres kamen nur noch 50 613 Besucher, um die bis dahin gebotenen 201 Aufführungen zu besuchen. Das entspricht einem Minus von 26 Prozent. Allerdings verweist auch das Rathaus darauf, dass man das diesjährige Kindermärchen "Peter Pan" erstmals mit Begleitung des Philharmonischen Orchesters gezeigt hat. Daher seien statt der üblichen 40 Vorstellungen nur 25 möglich gewesen. Rechnet man die Märchen aus der Statistik heraus, kommt man auf ein Minus von rund 20 Prozent im Vergleich zur Vorjahressaison.

Während die Trierer Stadtratsfraktion der AfD diese Zahlen nutzt, um die - wahrscheinlich - geplante Theatersanierung, ja das ganze Theater infrage zu stellen, gibt sich Sibelius erleichtert. Das Ergebnis liege über seinen Erwartungen. Mit einem so radikalen Intendantenwechsel seien immer Einbrüche verbunden. Zum Beleg präsentiert er Zahlen aus dem Rathaus, die zeigen, dass beim Wechsel Petersen/Kindermann und Kindermann/Weber jeweils etwa fünf Prozent der Besucher verloren gingen. Dass der Einbruch diesmal stärker ist, erklärt der gebürtige Österreicher damit, dass es bisher weniger Aufführungen gab. "Wir mussten weniger spielen, weil ich gesehen habe, dass manche Mitarbeiter 300 Überstunden mit in meine Intendanz genommen haben", sagt Sibelius. Im Eröffnungswahnsinn seien weitere Überstunden angesammelt worden. Und seine Ansage war, dass diese abzubauen sind - was zur Folge hatte, dass manche Mitarbeiter dreieinhalb Monate in Urlaub geschickt wurden. Inzwischen würden Überstunden anders erfasst und schneller abgebaut. Die größte Baustelle sei das Musiktheater und die Frage, wie man Menschen dazu bekommt, in eine Oper zu gehen.
Positiv sieht Sibelius, dass das Publikum jünger geworden ist - auch dank einer Kooperation mit dem Studentenwerk, das dem Theater 50 000 Euro zahlt, damit Studenten dienstags, mittwochs und donnerstags für einen Euro ins Theater gehen können.

Auch bei den Abozahlen verzeichnet Sibelius einen Rückgang. Zwar profitierte er zunächst von den Vorschusslorbeeren, die man ihm gab: In der laufenden Spielzeit gab es ein Plus von 120 Abos. Für die kommende Spielzeit jedoch sind 163 Kündigungen eingegangen. 76 kündigten ohne Angabe von Gründen, 18, weil ein kurzfristiger Umtausch der Theaterkarte nun nicht mehr möglich ist und das zu Verärgerung geführt hat, ein paar zogen um, ein paar starben und sechs kündigten wegen des Intendanten. Ein Intendant, der weiß, dass er polarisiert. Ein Intendant, der, wie er selbst sagt, manchen Fehler machte: Bei "Fidelio" hätte er stärker eingreifen müssen, sagt er, in der Urheberrechtsfrage beim Musical "Rent" sei er riskant weit gegangen, und die Frage um die Zukunft des Generalmusikdirektors hätte ihn fast den Kopf gekostet.

Ein Intendant, der in seinem Ein-Mann-Stück "Alles bleibt anders" auf der Bühne brilliert. Ein Intendant, der ankündigt, für das Haus zu kämpfen. 30 neue Aboanfragen gibt es für die kommende Saison, deren Spielplan in wenigen Wochen präsentiert wird. Ob auch sie unter dem Motto "Verrückt Euch!" steht, ist ungewiss. Vielleicht ist manchem, wenn die turbulente Saison vorbei ist, nach etwas weniger Trubel zumute.
Ein Bericht über die finanzielle Lage des Theaters folgt.Meinung

Trotz allem tolles Theater
Die Besucherzahlen des Theaters sind einer Zwischenbilanz zufolge um mehr als 20 Prozent zurückgegangen. Das ist unerfreulich. Aber es ist kein Grund, den Intendanten in die Wüste schicken zu wollen oder gar das ganze Haus infrage zu stellen. Unter komplizierteren Bedingungen als derzeit in Trier kann man wohl kaum Theater machen. Das Haus ist alt, stellenweise marode, zu klein und für viele Arbeitsabläufe ungeeignet. Was aus ihm wird oder wo das Ensemble spielen soll, wenn das Haus saniert wird, ist völlig ungewiss. Die längst geplante Gründung der Anstalt öffentlichen Rechts verschiebt sich ärgerlicherweise immer wieder, weil es zu viele ungeklärte Fragen gibt. Und so arbeiten die neuen Leute ganz anders als geplant immer noch in alten Strukturen. Getrieben von dem Willen, diese Strukturen zu verändern, hat Karl Sibelius den riesigen Fehler begangen, zu unterschätzen, wie sehr das Trierer Publikum an seinem Generalmusikdirektor hängt. Ein Schritt, der den Intendanten, der mit so viel Wohlwollen erwartet worden war - gerade bei den Stammgästen -, viele Sympathien kostete. Schlechte Voraussetzungen für gutes Theater. Und trotzdem hat das Trierer Publikum neben wenigen Flops und heiß diskutierten Skandalaufführungen (halleluja, das ist Theater!), in der laufenden Spielzeit unter Sibelius reichlich Grandioses erlebt. Tausende Menschen sind gegangen mit Händen, die vom vielen Klatschen schmerzten. Darunter viele Neulinge. Sie werden wiederkommen. Es lohnt sich. k.demos@volksfreund.de