1. Region
  2. Kultur

Erstmals eingespielt: Bachs „Wohltemperiertes Klavier“ auf einem historischen Nachbau mit 16-Fuß-Register.

Neue CD : Ein Cembalo im XXL-Format

Erstmals eingespielt: Bachs „Wohltemperiertes Klavier“ auf einem historischen Nachbau mit 16-Fuß-Register.

Es ist eine Premiere der ganz besonderen Art. Zum ersten Mal, so verkündet stolz der Klappentext, werde Bachs gewaltiger Zyklus „Das Wohltemperierte Klavier“ auf einem Cembalo eingespielt, „das über ein für Bachs Zeit typisches, tiefes 16-Fuß-Register verfügt“. Ob solch ein Cembalo wirklich zu Bachs Zeiten so etwas war wie klingende Normalität, darf bezweifelt werden. Dass 16-Fuß-Cembali im 18. Jahrhundert gebaut und gespielt wurden,  steht indessen fest. Grund genug, sich erneut mit diesem bautechnisch nicht einfachen Instrumenten-Typus  zu befassen. Der angesehene Hamburger Cembalo-Bauer Matthias Kramer hatte es getan und ein Instrument mit 16-Fuß-Register gebaut. Das wird jetzt  von Kramers Kollegen Frank Daro im luxemburgischen Remerschen betreut.

Die Bezeichnungen „4-Fuß, 8-Fuß, 16-Fuß“ kommen von der Orgel und verstehen sich beim Cembalo  im übertragenen Sinn. 8-Fuß ist der Normalklang, der 4-Fuß liegt eine Oktave darüber, der 16-Fuß eine Oktave darunter. „8‘.8‘,4‘“ ist fachmännisch verkürzt die Normaldisposition. Hinzu kommt bei Kramers aktuellem  Instrument der 16-Fuß. Der verstärkt und erweitert das Klangspektrum beträchtlich. Modisch formuliert: Nach Klang und Bauweise ist es ein Cembalo im XXL-Format. Grund genug, Bachs „Wohltemperiertes Klavier“ mit seinen 48 (!) höchst individuellen Einzelkompositionen durch alle Tonarten auf der Tastatur auf  diesem Instrument einzuspielen.

Der Interpret Vincent Bernhardt erhielt seine Ausbildung in Metz, Lyon, Stuttgart und Basel. Und doch hat sein Musizieren einen ausgeprägt deutschen Zug. So wie sich bei Kramers Cembalo ein deutscher Charakter heraushören lässt, so gibt Bernhardt auch seinen Interpretationen etwas mit, das als typisch deutsch gelten kann – etwas Starkes, Gradliniges, eine Distanz zu elegantem Spielwerk, wie es die Franzosen dieser Zeit liebten (die selber keine 16-Fuß-Instrumente bauten). Bernhardt setzt den 16-Fuß keineswegs pauschal ein, sondern differenziert sorgfältig und hellhörig. Nur selten klingt in seinen Interpretationen etwas allzu Experimentelles mit. Das fordert selten Widerspruch heraus, motiviert allenfalls zu gelegentlicher Skepsis. Bei Bernhardts 16-Fuß-Registrierung beispielsweise klingt die wunderbar helle, lichte Dis-Moll-Fuge erstaunlich zäh und mühsam.  Und ob das c-Moll-Präludium tatsächlich die volle Registrierung braucht, darüber lässt sich gewiss streiten. Und doch:  in aller Regel strahlt die Interpretation durch den 16-Fuß eine Klangvielfalt und Klangwucht aus, wie sie auf einem kleineren Cembalo nie zu erreichen sind.  Man erlebt Bachs großartigen Zyklus ganz neu. Und erinnert sich an Robert Schumann: „Das Wohltemperierte Klavier sei dein tägliches Brot“. Martin Möller

Johann Sebastian Bach, Das wohltemperierte Klavier Band 1. Vincent Bernhardt, Cembalo mit 16-Fuß-Registern nach Christian Zell. 2 CDs, erhältlich bei ww.jpc.de oder im CD-Fachhandel