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Erzählung: Zwei alte Frauen – Eine Legende von Verrat und Tapferkeit

Erzählung : Zwei alte Frauen – Eine Legende von Verrat und Tapferkeit

Der Wert der Solidarität zwischen den Generationen und die Erkenntnis, dass Menschen in Krisen über sich hinauswachsen können, sind die zentralen Themen der Erzählung „Zwei alte Frauen“ der US-amerikanischen Schriftstellerin Velma Wallis.

Dem in deutscher Sprache erstmals 1994 im Piper-Verlag erschienenen Bändchen ist damit heute während der Corona-Pandemie in besonderem Maße Aktualität beschert. Die Autorin ist in Alaska als Angehörige des Indianerstamms der Athabasken aufgewachsen. Sie verschafft mit der kunstvollen Wiedergabe einer in ihrem Volk mündlich überlieferten Legende dieser das größere Publikum, das sie wegen ihrer philosophischen Tiefe verdient: Ein Nomadenstamm in der Polarregion Alaskas sieht sich während eines harten Winters vom Hungertod bedroht. Der Häuptling beschließt den Aufbruch, um bessere Jagdmöglichkeiten zu finden. Auf seine Anweisung hin werden gemäß der Stammestradition zwei betagte Frauen zum Sterben zurückgelassen, damit mehr Nahrung für die Jüngeren und Überlebensfähigeren bleibt. In den beiden alten Frauen vollzieht sich, als sie auf sich alleine gestellt sind, eine überraschende Wandlung: Sie beschließen, wenn sie denn sterben müssten, „handelnd zu sterben und nicht im Sitzen“. Hatten sie sich bis dahin auf ihre körperlichen Gebrechen konzentriert, so besinnen sie sich nun auf ihre erlernten Überlebenstechniken und entdecken in sich bisher nicht genutzte Fähigkeiten. Es gelingt den beiden, einen sicheren Lagerplatz zu finden, Kaninchen und Fisch zu fangen, was sie nicht verzehren zu konservieren und mit sich steigerndem Eifer ein riesiges Vorratslager anzulegen, das ihnen das Überleben im kommenden Winter mehr als sichern wird. Zur gleichen Zeit hat ihr Stamm, von dem sie verstoßen wurden, weniger Glück: Seine Mitglieder irren halb verhungert und erfroren umher. Die Geschichte erreicht ihren erzählerischen Höhepunkt, als die beiden Frauen mit den Stammesmitgliedern wieder zusammentreffen und sich vor die Frage gestellt sehen, ob sie diese mit ihren Vorräten vor dem Verhungern bewahren sollen.

Die Lektüre lohnt alleine schon, weil der Leser in der spannend erzählten Geschichte authentische Einblicke in das Leben der Indianer Nordamerikas erhält. Sie lohnt umso mehr, als die Erzählung deutlich macht, worauf es bei der Lebensbewältigung und in der Gemeinschaft mit anderen ankommt: zusammenzuhalten, nicht kleinmütig zu werden, sondern sich auf seine Stärken zu besinnen und verzeihen zu können. Sabine Ganz

Velma Wallis: „Zwei alte Frauen. Eine Legende von Verrat und Tapferkeit“. Aus dem Amerikanischen von Christel Dormagen, illustriert von Heinke Both. Piper Verlag München, 128 Seiten, 10 Euro, ISBN 978-3-492-24569-2.