Es geht voran: Die Fehlfarben kommen!

Es geht voran: Die Fehlfarben kommen!

Sommer 1977: Der Punk kommt in Deutschland an. Peter Hein, Sänger der legendären Düsseldorfer Band Fehlfarben, war damals mittendrin. Vor dem Auftritt am Freitag in Losheim sprach er mit dem TV über das vielleicht beste deutsche Album aller Zeiten und den "Sommer des Wahnsinns".

Trier/Losheim Das beste deutsche Album aller Zeiten kommt von ... vielleicht Kraftwerk? Den Toten Hosen? Grönemeyer? Rammstein? Darüber lässt sich streiten. Für das Fachmagazin Rolling Stone ist die Sache jedenfalls eindeutig: Auf den Thron gehört "Monarchie und Alltag" der Düsseldorfer Band Fehlfarben aus dem Jahr 1980. Die Platte hatte maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung der Punk rockszene in Deutschland. An den Verkaufszahlen lässt sich die Bedeutung nicht so ablesen. Erst 20 Jahre nach Erscheinen gab es für die Düsseldorfer eine goldene Schallplatte für "Monarchie und Alltag" und 250 000 verkaufte Exemplare.
Das beste Album aller Zeiten? Das würde Fehlfarben-Sänger Peter Hein, Jahrgang 1957, nie von sich aus sagen, das verbietet die Bescheidenheit. "Aber wenn das alle so meinen", sagt er im Telefonat mit dem TV, "dann sollen sie das gerne so meinen."
Viele der klugen Texte auf dem Album sind von ihm. Die Wut und Verzweiflung, die feine Ironie, die Poesie der Straße - er hat sie immer ins Mikro gehetzt, als wäre er auf der Flucht. Damit hat Hein ganze Generationen von Sängern und Textern vor allem im Punkrock und Postpunk inspiriert. "Es liegt ein Grauschleier über der Stadt, den meine Mutter noch nicht weggewaschen hat", singt Hein, der - nebenbei - familiäre Verbindungen in die Region Trier hat. "Mein Vater stammt aus Neumagen-Dhron. Als Kind war ich in den Ferien immer an der Mosel und auch in Trier."
Jetzt zieht's ihn wieder in die Gegend. Eine Liveversion des Fehlfarben-Klassikers wird am kommenden Freitag erstmals in der Region zu erleben sein - beim Rockaway Beach Open Air am Losheimer Stausee spielt die Band das legendäre Album. "Wir hatten im vergangenen Jahr bei einem Festival in Düsseldorf zum ersten Mal das ganze Album am Stück gespielt. Das hat richtig gut geklappt. Die Stücke haben über die Jahre nicht viel verloren. Das freut mich einerseits, dass das inhaltlich alles noch so stimmt - zugleich ist es auch erschreckend", sagt Peter Hein, der seit 2005 in Wien lebt.
"Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran", wird dann wieder zu hören sein. "Ein Jahr (Es geht voran)" war der eine große Hit der Band. Es ist ein eher ungewöhnlicher Song für Fehlfarben, mit dem markanten Funkriff. Als das Stück fast zwei Jahre nach der Albumveröffentlichung im Zuge der Neuen Deutschen Welle die Tanzflächen füllte, da war Peter Hein längst nicht mehr bei Fehlfarben. Schon nicht mehr, als die Band 1982 einen Auftritt im Trierer Hindenburg-Gymnasium (heute: Humboldt-Gymnasium) hatte.
Er zog den Bürojob dem unsicheren Berufsmusiker-Dasein vor, als Angestellter bei Rank Xerox. Bis der Kopiererhersteller ihn 2003 "wegrationalisierte" - und Hein doch ganz auf die Musik setzte. Schon zwei Jahre zuvor hatte sich Hein wieder mit Fehlfarben zusammengetan, er hat neue Platten veröffentlicht wie zuletzt "Über ... Menschen" (2016). Aber "Monarchie und Alltag" ist das eine Album, das Geschichte schrieb.
In Losheim wird Hein wieder auf Musiker treffen, die ihn als Inspiration nennen dürften. Auch wenn er - umgekehrt - nicht mehr an der Szene interessiert ist und er nicht wirklich weiß, wie Turbostaat, Pascow oder Fatoni klingen. "Ich habe ja mit Jugendlichen keinen Kontakt. Und Jugendliche sind für mich alle, die jünger sind als 50. Wie die ticken, das weiß ich nicht", so sagte er es mal der taz.
Das mag mit dem Alter zusammenhängen. Als es vor genau 40 Jahren mit dem Punk in Deutschland losging, war der Düsseldorfer jedenfalls mittendrin. Was das Aufregendste an den frühen Punktagen war? Die ständige Entdeckung! "Das hat es ausgemacht: Mit einem Haufen Leute neues Zeug finden und entdecken, damals natürlich vor allem in England. Wir haben uns jede Woche mit Alben beliefern lassen und sind öfter nach London gefahren. Das haben wir dann nachgemacht und neu gemacht. Wir haben den Sommer des Wahnsinns erlebt."
Wenn es nach vielen Internetquellen geht, haben sich die Fehlfarben 1979 nach einem Auftritt von The Teardrop Explodes in London gegründet. Hein hat das allerdings anders in Erinnerung. "Ich glaube, es war ein Konzert von Gang of Four, ich bin mir aber nicht mehr sicher."
Der Ratinger Hof in Düsseldorf, eine Kneipe in der Altstadt, galt als Keimzelle des Punk in Deutschland. In Berlin und Hamburg seien viele Läden erst nach dem Vorbild des Ratinger Hofs eröffnet worden. Hein spielte in einer der ersten deutschen Punkbands, Charly's Girls, später bei "Mittags-Pause". Ein weiteres seiner späteren Projekte, das souligere "Family 5", existiert heute noch, ein neues Album erscheint demnächst.
Auch mit Fehlfarben will Peter Hein gerne noch mal eine neue Platte aufnehmen - auch wenn die goldenen Zeiten für Alben vorbei sind. An der Spitze ist er ja schon, mit seinen Kollegen. Zumindest beim Rolling Stone.
Extra: ROCKAWAY BEACH OPEN AIR IN LOSHEIM

Laut dem Musikmagazin Rolling Stone ist „Monarchie und Alltag“ (oben: Cover) von Fehlfarben das beste deutsche Album aller Zeiten. Die Band um Sänger und Texter Peter Hein (Dritter von links) bringt das Album von 1980 in voller Länge auf die Bühne – beim Rockaway Beach Open Air in Losheim. Foto: Roland Bertram. Foto: (g_kultur


Am Freitag, 1. September, spielen beim Rockaway Beach Open Air am Losheimer See neben dem Headliner Fehlfarben (22.30 Uhr) angesagte Bands der aktuellen Punkrockszene - Turbostaat aus Husum, Smile and Burn und Pascow. Für die Band von Schlagzeuger Oliver Thomé (Geschäftsführer von Poppconcerts in Trier) wird's ein Heimspiel. Der Special Guest Fatoni erweitert das Line Up um Hip Hop. Zuvor spielt das Duo Schreng Schreng & La La mit Love-A-Sänger Jörkk Mechenbier sowie die Punkrockband Blut-Hirn-Schranke, die das Festival um 16.15 Uhr eröffnet. Musikalisch ganz anders geht es am nächsten Tag in Losheim weiter - mit dem Electro-Festival Lucky Lake auf zwei Bühnen, unter anderem mit FormatB, AKA AKA, Thalstroem, Boris Brejcha, Extrawelt/live, Kerstin Eden und Pappenheimer.Danach geht es im Trierer Exhaus mit einer Aftershow-Party weiter. Tickets gibt es unter der TV-Hotline 0651-7199-996 und im TV-Servicecenter Trier.