1. Region
  2. Kultur

Es geht vorwärts - nur, wohin?

Es geht vorwärts - nur, wohin?

Vor ausverkauftem Haus gestaltete Ewald Schu in Konz einen Abend, den er ganz Otto Reutter widmete. Hinter dem Vergnügen, das man haben konnte, versteckten sich aber auch ernsthafte Fragen.

Konz. Gewaltig groß war der Andrang zum Otto Reutter Abend mit Ewald Schu im Festsaal des Klosters St. Bruno in Konz-Karthaus. "Dieses Programm hätten wir leicht zweimal verkaufen können, so zahlreich waren die Anfragen nach Karten", sagte Marita Souville vom Kulturbüro Konz. Schon seit einigen Jahren tourt Schu mit seinem Reutter-Programm durch die Region und erfreut die Menschen mit den Couplets vom Anfang des vorigen Jahrhunderts. Der Aufwand, den er dafür betreiben muss, ist denkbar gering. Ein Frack, eine große Karikatur von Reutter, das Modell einer Drehorgel, und schon ist das Bühnenbild fertig. Die Hauptarbeit liegt bei Schu selber und bei seinem Partner Christoph Schach, der ihn am Klavier begleitet. Schach ist für Schu ein Glücksfall. Einfühlsam, flink reagierend, begleitet er den Protagonisten, geht auf jede Nuance in dessen Vorträge ein. Er ist das verlässliche Netz, das man erst bemerken würde, wenn es nicht mehr da wäre.Wer war eigentlich dieser Otto Reutter, über dessen Reime man auch heute noch, 77 Jahre nach seinem Tod, herzlichst lachen kann? Er war das, was man auch in unserer Zeit von einem guten Kabarettisten erwartet: Jemand, der den Menschen einen Spiegel vorhält, das Zeitgeschehen kommentiert, den Finger in die gesellschaftlichen und moralischen Wunden legt. Schus Programm ist und kann nur ein kleiner Auszug aus dem gewaltigen Schaffen sein, das Reutter der Nachwelt hinterlassen hat. Reutters Texte sind lustig, karikieren Alltäglichkeiten, wie etwa die Geduld, die von einem Ehemann erwartet wird, wenn seine Frau sich eine Bluse kaufen will, oder das ambivalente Verhältnis zwischen Stolz (Besitz) und Sorge (Diebstahl) über den neuen Paletot. Aber Reutters Couplets sind auch erschreckend. Vieles ist so aktuell, dass man es kaum glauben möchte. In "Ein bisschen Arbeit muss der Mensch doch haben" besingt Reutter die Mitglieder eines Aufsichtsrates, der aufgrund der Höhe seiner Tantiemen Gefahr läuft, sich zu schämen. In "Es geht Vorwärts" ist der Bankenkrach Thema, man könnte den Verdacht haben, Reutter habe schon Viagra gekannt und auch das Thema Genforschung blitzt auf. Komponiert wurde das Ganze 1912. Spätesten bei "Mit der Uhr in der Hand" muss sich jeder gestresste Zeitgenosse ganz persönlich angesprochen fühlen.Schu bringt sein fast dreistündiges Programm absolut überzeugend über die Bühne. Manchmal vielleicht ein bisschen steif, aber da darf man nicht vergessen, dass er kein Profi ist. Es ist seine Liebe zu dem großen Komiker des letzten Jahrhunderts, die er auslebt und mit der er seinem Publikum eine große Freude bereitet. Wohlverdiente Verschnaufpausen bekam Schu durch Monika Weber, die mit beliebten Melodien ebenfalls ihr Faible für das frühe 20. Jahrhundert demonstrierte. Die Umschreibung des Programms "Melodien der 20er Jahre" stimmte zwar nicht so ganz, denn "Du hast Glück bei den Frauen" ist aus dem Jahre 1939 und Peter Kreuder schrieb "Für eine Nacht voller Seligkeit" erst 1940. Das aber tat der Publikumsbegeisterung keinerlei abbruch. Der Abend war ein voller Erfolg für Schu und seine Mitstreiter und auch für das Kulturbüro in Konz. Wer wollte, konnte neben einer begeisterten Stimmung auch die Frage mit nach Hause nehmen, ob die Menscheit in den letzten 80 Jahren wirklich so viel schlauer geworden ist. Die nächsten Reutter-Abende sind am 1. März im Konvikt in Prüm und am 15. März im Weinmuseum Bernkastel-Kues.