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Es leben die Verrückten: "Das Narrenschiff" im Theater Trier

Es leben die Verrückten: "Das Narrenschiff" im Theater Trier

Sieben Jahre ist es her, dass Sven Grützmacher das Trierer Ballett in "Tanz Theater" umtaufte. Mit seiner neuen Produktion "Das Narrenschiff" kommt der Choreograph dem damit verbundenen Anspruch näher als je zuvor - nicht zuletzt dank der Zusammenarbeit mit dem Künstler Bodo Korsig.

Trier. Es ist eine Art Versuchsanordnung. Zwölf Menschen in einem umgrenzten Raum, abgesperrt durch einen weißen Wald aus undurchdringlichen Bäumen und Ästen, den man nur verlassen kann durch einen See aus schwarzen Kugeln, in dem die Akteure zuweilen verschwinden und wieder auftauchen.
Zwölf Prototypen. Das nette Nachbarspaar, hinter dessen bürgerlicher Fassade Gewalt brodelt. Die Erfolgreichen, denen man das Selbstbewusstsein schon an der auffälligen Kleidung ansieht. Der Neurotiker, der aus seinen äußerlichen Zwängen nicht herauskommt. Die Weltläufige, die ihre Identität ständig wechselt. Der elegante Anpasser, die Engagierte, der Partnersuchende, die Frömmlerin.
Angst, ein ständiger Begleiter


Am Anfang klettern sie nackt aus den Bäumen - es ist der Narr, der sie erweckt. Und mit dem Moment der Individualisierung beginnen sich Charaktere herauszuschälen, beginnt aber auch die Angst, die ein ständiger, unbehaglicher Begleiter bleibt.
Das ist nichts weniger als die Entwicklung eines Menschen, vielleicht sogar der Menschheit, die Sven Grützmacher und Bodo Korsig da in faszinierenden Bildern beschreiben. Einfach und klar erzählt, aber nicht billig-plakativ. Die literarische Vorlage von Sebastian Brant liefert dabei den Ideen-Rahmen, doch das Trierer Narrenschiff fährt nicht im Mittelalter, sondern zeitlos - also aktuell.
Es gibt Opfer und Täter, Gewinner und Verlierer in dieser Welt, die der Narr, von René Klötzer markant und deutungsstark getanzt, unaufhaltsam antreibt und dirigiert. Die Träumerin beispielsweise, von Christin Braband ungeheuer intensiv und anrührend gestaltet, wird zum Objekt, an dem sich die Stärkeren abreagieren. Für Träumer, für Sensible, für Schräge ist kein Platz in der schnellen Maschinenwelt der gierigen Nimmersatts, die immer mehr wollen.
Grützmacher schickt das Publikum in ein permanentes Wechselbad der Gefühle, verstärkt durch eine kontrastreiche Musikauswahl, die von innigen Schubert- und Monteverdi-Klängen über Léhar und Kagel bis zur klanglichen Aggression von Rammstein reicht.
Bodo Korsig hat ihm dafür Seelenräume gebaut, die faszinieren, aber auch verstören, mit klaustrophobischen Boxen und Video-Einblendungen von Spinnen-Populationen. Doch alles fügt sich zusammen, lässt sich verstehen und nachvollziehen, auch durch die augenzwinkernd typisierenden Kostüme von Gabriele Kortmann.
Wer will, kann sich auf die Suche nach einem reichen Assoziations- und Zitateschatz von Charlie Chaplin bis Jack Nicholson machen. Und wer\'s braucht, für den gibt es eine "Gebrauchsanweisung" im Programmheft. Aber es reicht auch, sich einfach treiben zu lassen vom Bühnengeschehen, einzutauchen in die Macht der manchmal atemberaubenden Bilder.
Das Trierer Tanz-Ensemble (David Scherzer, Cecile Rouverot, Reveriano Camil, Denis Burda, Juliana Hlawati, Robert Seipelt, Natalia Grützmacher, Noala de Aquino, Erin Kavanagh, Susanne Wessel und als Gast Rosa van der Poel) trägt diese Produktion, treibt sie kraftvoll voran. Jede Rolle ein kleines, engagiertes Psychogramm. Da ist, Jahr für Jahr, Stück für Stück, eine tolle Truppe zusammengewachsen, die das Wagnis einer solchen Produktion überhaupt erst erlaubt.
Das Publikum zollt am Schluss langen, einhelligen, bewundernden Beifall. Vielleicht auch deshalb, weil Grützmacher das Stück nicht ganz so skeptisch enden lässt, wie er es entwickelt. Während das Narrenschiff derer, die aus ihren Fehlern nichts gelernt haben, ins Nirwana treibt, erscheint eine Leuchtschrift vom Bühnen-Himmel. "Es leben die Verrückten", steht darauf. Wer mag, kann das als Hoffnungsschimmer verstehen.
Weitere Aufführungen am 16. und 23. November; 1., 7. und 18. Dezember; 27. Januar und 2. Februar.