| 20:37 Uhr

"Es macht Mut, seinen eigenen Weg zu finden"

Bitburg. Was kann der Klassiker Johann Wolfgang von Goethe uns Menschen des 21. Jahrhunderts geben? Das Vorbild eines gelungenen Lebens, sagt Rüdiger Safranski, der beim Eifel-Literatur-Festival seine aktuelle Goethe-Biografie "Kunstwerk des Lebens" vorstellen wird.

Der Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Rüdiger Safranski, Mitglied des PEN-Zentrums und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, lehrt seit Sommer 2012 als Honorarprofessor am Fachbereich Philosophie und Geisteswissenschaften an der Freien Universität Berlin. Unsere Mitarbeiterin Anke Emmerling hat sich mit ihm unterhalten.Über Goethe ist schon reichlich geschrieben worden, warum haben Sie eine Biografie über ihn verfasst?
Rüdiger Safranski: Ich wollte einen neuen Blick auf ihn werfen. Ich habe mich in mehreren Büchern so lange mit dieser Zeit beschäftigt, da war immer Goethe in Sichtweite. Und deswegen war er jetzt mal dran. Das ist auch eine Krönung meiner biografischen Arbeit.


Was fasziniert Sie an ihm?
Safranski: Goethe ist wirklich ein geglücktes Exempel, wie man sich selbst verwirklicht. Selbstverwirklichung sagt sich so schön und so leicht, aber wenn man sie über das ganze Leben verfolgt, ist das eine großartige Sache und überhaupt das, was das Sinnvolle eines Lebens ausmacht. Viele scheitern ja oft, der Mensch ist ein Wesen, das nie was Perfektes zustande bringt. Goethe war auch nicht perfekt, aber es ist ihm doch sehr viel gelungen, nicht nur mit seinem Werk, sondern auch mit seinem Leben und mit dem Verhältnis zwischen Werk und Leben. Trotz aller oder gerade wegen der Krisen, Abgründe und Konflikte, die es da natürlich auch gab, ist doch bei ihm alles in allem die Sache sehr gut ausgegangen. Und das ist eine schöne Gelegenheit, auch dem Gelingen mal zuzusehen. Wenn ich jetzt mit dem Buch unterwegs bin - und auch in den Rezensionen - merke ich, wir haben so ein bisschen ein Problem mit dem Gelingen. Man hat\'s ja doch gerne, wenn einem was vom Scheitern erzählt wird, will lieber Zuschauer sein beim Schiffbruch.

Ist der Mensch heute auch nicht eher zum Scheitern verurteilt? Ihm sind enge Grenzen gesteckt, anders als in Goethes Zeit ist fast alles erforscht, erprobt und in Systeme gepresst. Kann da Goethes Selbstverwirklichung wirklich noch ein Vorbild sein?
Safranski: Es kann schon Mut machen, seinen eigenen Weg zu finden. Probleme gab es ja auch für Goethe. In den Naturwissenschaften war damals schon vieles erforscht. Aber er wollte es eben jetzt selber machen, seinen eigenen Weg darin gehen. Da ist so ein bisschen selbstbewusster Trotz im Spiel. Goethe hatte einen sehr weiten Horizont, hat aber auch sehr genau gewusst, dass man nur sehr begrenzt aufnehmen kann und nur so viel aufnehmen sollte, wie man auch verarbeiten kann. Das war für ihn das Wichtigste - nicht einfach ein Durchlauferhitzer zu werden für alles, was um ihn herum passiert, sondern immer was Eigenes draus zu machen. Gerade heute, wo wir an Überkommunikation leiden, finde ich das eine schöne Lehre, einfach mal dichtzumachen und sich um sich selber zu kümmern. Es ist ein ganz gutes Prinzip, das man von Goethe lernen kann, die Grenzen voll auszunutzen innerhalb dessen, was man kann und was einen wirklich etwas angeht. Wir regen uns viel zu viel über Dinge auf, auf die wir sowieso keinen Einfluss haben.

Sich von Goethe anregen zu lassen, "zu werden, der man ist", ist die Botschaft, die Sie Ihren Lesern mitgeben. War das schon Leitgedanke des Buches?
Safranski: Ich habe mich nie so direkt gefragt, was für ein Rezept kann ich herausziehen. So entsteht auch nicht wirklich was. Man muss sich erst einmal richtig einlassen auf dieses Leben und hinein vertiefen. Sehr vieles wirkt dann unterschwellig, und man merkt erst am Ende, was einen eigentlich fasziniert hat.

Noch einmal kurz auf den Punkt gebracht, was können wir aus der Beschäftigung mit Goethe lernen?
Safranski: Für unsere Zeit, in der Selbstverwirklichung zumindest formell und rhetorisch alles gilt, ist Goethe eine Figur, die wirklich vorgelebt hat, was das heißen könnte. Solche Menschen warten nicht darauf, ob sie gefragt werden oder gefragt sind, weil sie alles sich selbst zuliebe tun. Sie werden immer auf Widerstand stoßen. Offiziell redet alles von Kreativität und Selbstverwirklichung. Man muss es einfach mal ernst nehmen. ae
Extra

Rüdiger Safranski liest als Gast des Eifel-Literatur-Festivals am Freitag, 19. September, in der Stadthalle Bitburg. Karten, auch ein Jahresfestivalticket mit Rabatt und Platzreservierung, gibt es im TV-Service-Center in Trier, unter der TV-Tickethotline 0651/7199-996 sowie unter der Internet-Adresse www.volksfreund.de/tickets Informationen über das Festival unter www.eifel-literatur-festival.de