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Exportschlager ohne Verfallsdatum

Exportschlager ohne Verfallsdatum

Wer sich am Freitag noch wegen des Brexit über 52 Prozent der Briten geärgert hatte, wurde am Sonntag in der Echternacher Basilika besänftigt. Sechs Herren von der Insel machten beim Festival Echternach vor rund 600 Zuhörern beste Werbung fürs Königreich: die King’s Singers.

Echternach. Deutsche Volkslieder entstauben? Das schaffen sie spielend. Was die King's Singers in der Echternacher Basilika aus dem altehrwürdigen "Es dunkelt schon in der Heide" machen, ist eindrucksvoll. Nein, so haben viele der Zuhörer das oft bemühte Standardwerk deutscher Chöre sicher noch nicht gehört. Leicht, locker, ganz ohne Pathos, dennoch gefühlvoll interpretieren die Sechs von der Insel den Klassiker. Es gibt viel Beifall für die Countertenöre David Hurley und Timothy Wayne-Wright, den Tenor Julian Gregory, die Baritone Christopher Bruerton und Christopher Gabbitas sowie Bass Jonathan Howard. Wieder einmal. Denn was das Sextett, das als eines der besten Vokalensembles der Welt gehandelt wird, bietet, ist meisterhaft.
Und erstaunlich vielseitig. So erstreckt sich das Programm des Londoner Exportschlagers - die King's Singers sind jedes Jahr mindestens sechs Monate auf Tournee rund um die Welt - im ersten Teil des Konzerts von geistlicher Musik der englischen Renaissance (16. und 17. Jahrhundert) über Werke der deutschen Romantik (19. bis 20. Jahrhundert) bis zu zeitgenössischer klassischer und populärer Musik (20. Jahrhundert).
Ohne Müdigkeit oder nachlassende Konzentration - das Ensemble hat 2016 schon mehr als 300 000 Tourkilometer hinter sich und muss am nächsten Tag in Südschweden sein - widmet es sich jedem Genre, jeder Gattung mit Bedacht und Präzision, immer unter Würdigung des jeweiligen Charakters der Musik. So sind die Renaissance-Werke mit gebremster Dynamik und zurückhaltendem Ausdruck vorgetragen, was auf die romantischen Werke nicht zutrifft, die ausdrucksvoll und dynamisch bewegt vorgetragen werden.
Respektvollen Applaus für so viel feine Abstimmung und Intonation gibt es nach dem ersten Teil des Programm. Frenetischen Beifall dagegen im zweiten Teil. Die King's Singers zelebrieren Populärmusik so, wie man es von ihnen kennt: beschwingt und charmant, dennoch gesanglich perfekt. Bekannte amerikanische Swing- und Jazz-Evergreens, Gospels sowie Folksongs aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wie "Night And Day" (Cole Porter) und "Some Folks Lives Roll Easy" (Paul Simon) sowie weniger bekannte Volkslieder aus Neuseeland oder Frankreich. Keine Frage: Mit ihrer "lighter Side" (leichteren Seite), wie sie die King's Singers selbst bezeichnen, erobern sie das Publikum in der Basilika. Drei Zugaben später die letzte Verbeugung und freundliches Winken ins Publikum. Und ein höfliches Bedauern, dass man so selten in Luxemburg sei - in diesem "beautiful building", bei dieser "wonderful audience".
Noch sauer auf die Briten? So viel Charme und Höflichkeit lassen viele den Brexit wohl vergessen. Die Kings Singer's bleiben ein Exportschlager - auch ohne EU-Anbindung.
Nächste Termine in Deutschland: 26. Juli, St.-Stephan-Kirche, Konstanz; 29. Juli, Kassel, Evangelische Kirche Kirchditmold; 30. Juli, Frankfurt.
Extra

Die King's Singers wurden 1968 in Großbritannien gegründet. Das sechsköpfige A-cappella-Ensemble wurde in den 1970er und 1980er populär, besonders durch Auftritte im Fernsehen. Heute gibt das Ensemble ungefähr 120 Konzerte pro Jahr weltweit, vor allem in Europa, den USA und in Fernost. Der typische Ensembleklang ensteht durch die spezielle Zusammensetzung des Sextetts: zwei Countertenöre, ein Tenor, zwei Baritone und ein Bass zusammen. Dies sorgt für eine größere Klangfülle in den tieferen Stimmen. utz