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"Extrawurst" am Theater Trier mit einer Portion "Stromberg"

Trier : Jeder grillt für sich allein

Sehr lecker, sehr locker: So bruzzelt Regisseur Thomas Peters die Farce „Extrawurst“ im Theatergarten Trier.

 Der Autor äußerte sich sehr zufrieden. Jede Pointe sei punktgenau abgeliefert worden und habe perfekt gesessen. Eigens zur Premiere war Moritz Netenjakob nach Trier gereist, um sich davon zu überzeugen, was Regisseur Thomas Peters und sein Schauspielerquintett aus seinem Bühnenkind gemacht haben, das er gemeinsam mit Dietmar Jacob gezeugt und zur Welt gebracht hat. Literarisch funktioniert eben vieles, was im richtigen Leben nur schwerlich klappt. Jeder habe, erzählt Netenjakob, fünfzehn Seiten geschrieben, sie dem Partner gezeigt, der hat weitere fünfzehn geschrieben und so weiter, bis die „Extrawurst“ fertig war.

Und die wurde nun im Trierer Theatergarten gegrillt, wohin, aber das nur nebenbei, Netenjakob nicht zuletzt aus nostalgischen Gründen gereist ist: Eine Tante sei vor Jahren am hiesigen Theater engagiert gewesen und habe den Neffen, der sich auch damals schon öfters an der Mosel aufgehalten hatte, mit dem Bühnenfieber infiziert. (Die Tante, inzwischen weit in den Neunzigern, sei übrigens immer noch schauspielerisch aktiv.)

Zurück zum Grill beziehungsweise zum Tennisverein, in dem dieses neue Bratgerät angeschafft werden soll, weil das alte zu klein, aus der Mode gekommen und krebserregend ist. Könnte unter Punkt Sieben („Sonstiges“) auf der Abarbeitungsliste der Hauptversammlung des Clubs vom Vorsitzenden sofort durchgewinkt werden, wäre da nicht Melanies Einwand – eine kleine, harmlose, nett gemeinte Anmerkung, die jene Lawine lostritt, welche am Ende der folgenden neunzig Minuten zum Austritt zahlreicher Vereinsmitglieder führen wird.

Melanie (sachlich, nüchtern, selbst- und zielbewusst: Marsha Zimmermann) schlägt nämlich die Anschaffung eines zweiten Grills vor, da das einzige türkische Clubmitglied Erol (von engelsgleicher Geduld, zunächst kompromissbereit, später genervt und durchaus schlagkräftig: Giovanni Rupp) keine Schweinswürste essen darf. Flugs versucht sich Matthias (als Fettnäpfchenspezialist mit ausgeprägter Schrebergartenmentalität und dazu übereifriger wie begriffsstutziger zweiter Vorsitzender das komödiantische Glanzlicht im Club: Martin Geisen) an einem Exkurs, der die Kulturgeschichte des Abendlands unter besonderer Berücksichtigung kulinarischer Besonderheiten mit den Eigentümlichkeiten des osmanischen Reiches und den Leibgerichten dortiger Bewohner vergleicht, was dazu führt, dass er als Nazi beschimpft wird. Der Vorwurf kommt von Thorsten (Melanies Ehemann und Werbefachmann mit einem – nach eigener Aussage – besonders sensiblen Gespür für die Feinheiten und Zwischentöne der deutschen Sprache begabt, was ihn nicht davon abhält, Witze zu machen, die prompt in die Hose gehen: Raphael Christoph Grosch) und führt in der Folge zu beträchtlichen körperlichen Verletzungen bei einigen Clubmitgliedern, von denen Nasenbluten noch das kleinere Übel ist. Derweil hat der Vorsitzende des Clubs, Heribert Bräsemann (ein eitles, selbstgefälliges, egozentrisches und sehr deutsches Vereinsmitglied, das zum Wogenglätten deutsch-türkische Witze erzählen will: Michael Hiller), längst das Handtuch geworfen und den Vorsitz an seinen Vertreter abgegeben – mit vorhersehbarem katastrophalen Ergebnis. (Hiller, das soll dem geneigten Leser nicht verschwiegen werden, ist auch der Texter der Vereinshymne, zu der Martin Folz die Melodie geschrieben hat. Ohne den beiden Schöpfern zu nahe treten zu wollen: Die internationalen Charts wird das karnevalistisch anmutende Lied mit dem lokalpatriotischen Titel „Fortuna Moselaue“ vermutlich nicht stürmen.)

Bei allem Gelächter, dass diese eskalierende Vereinsmeierei erzeugt: Es gibt eine durchaus ernst gemeinte Botschaft in der Farce. Ob man nun ein Gutmensch ist oder ein Ausländerversteher, ein Integrationsbefürworter oder -muffel, religiös oder atheistisch, Schweins- oder Rindswürstchenliebhaber: Wirklich recht machen kann man es eigentlich keinem. Das ist ein ziemlich desillusionierendes Ergebnis eines Abends, bei dem man sich richtig gut amüsieren kann.

Was nicht zuletzt am Regisseur Thomas Peters liegt, der sein Quintett, spieltechnisch betrachtet, präzise geeicht hat wie ein Schweizer Uhrwerk: Da sitzt jeder verbale Schwinger und Tiefschlag, da werden die Dialoge pingpong-artig hin- und hergeschmettert, da überbieten sich die Pointen gegenseitig, und obwohl manche Retourkutsche erwartbar ist, überrascht das Autorenduo Jacobs und Netenjakob dann doch wieder mit einer Wendung, die neue Aspekte im Irrsinn freilegt.

Übrigens: Die beiden waren auch schreibend an der Fernsehserie „Stromberg“ beteiligt. Kein Wunder, dass der Geist von Christoph Maria Herbst bisweilen über der Hauptversammlung zu schweben schien.

Die nächsten Aufführungen: 5., 6., 16., 17., 22., 23. und 27. Juni.; Karten: 0651/718-1818