Facettenreich wie ein Blick von Robert de Niro

Facettenreich wie ein Blick von Robert de Niro

500 Besucher sind in die ehemalige Trierer Reichsabtei St. Maximin gekommen - einerseits, um Auszüge aus Wagners "Parsifal" und Bruckners "Te Deum" zu erleben, andererseits, um noch einmal die Gelegenheit eines Gastspiels von Weltstar Franz Grundheber zu nutzen. Sie wurden nicht enttäuscht.

Trier. Über Auftritten von Franz Grundheber in seiner Heimatstadt liegt in diesen Tagen immer ein Hauch von Abschied. Wird man so etwas wie diesen Amfortas aus Wagners "Parsifal" von dem 75-Jährigen hier je wieder hören? Eher unwahrscheinlich, auch wenn seine stimmliche Potenz nach wie vor unangetastet scheint.
So saugt man jeden Moment seiner Kunst besonders aufmerksam in sich hinein. Amfortas, der Schmerzenskönig vom heiligen Gral, ist eine Grundheber-Gestalt par excellence, ein tragischer Herrscher, durch eigene Schuld aus der Bahn geraten, gestraft mit scheinbar ewigem Leiden.
Selbst im Konzertfrack lässt der Sänger die Figur lebendig werden, lädt jedes Wort, jeden Ton mit Bedeutung auf. Wenn Grundheber das Wort "Erlöser" formuliert, dann kann er darin so viele Facetten unterbringen wie Robert de Niro in einem stummen Blick oder Marc Chagall im Blau eines seiner Fenster. Er singt imaginäre Frage- und Ausrufezeichen mit, reißt das Publikum in abrupte Stimmungswechsel - das alles geht über schieres Singen weit hinaus.
Da muss man aufpassen, wenn man die Solisten für ein Konzert zusammenstellt, dass kein Ungleichgewicht entsteht. Aber Clemens Biebers Parsifal und Thorsten Grümbels Gurnemanz können auf diesem Niveau mithalten, vor allem der Tenor, der den Parsifal nahe am lyrischen Fach anlegt: kein allzu Wagnerianischer Held, sondern ein stilsicherer, eleganter, filigraner Rolleninterpret, dessen lichtes Timbre auch bei Anton Bruckners "Te Deum" begeistert.
Gewichtung stimmt nicht


An einem elementaren Problem können alle drei Protagonisten nichts ändern: Die akustische Gewichtung zwischen Orchester, Chor und Solisten stimmt in St. Maximin nicht. Klar: Wagner, das bedeutet immer Krieg zwischen Orchester und Stimmen. Aber am Ende müssen die Stimmen zumindest ein Unentschieden herausholen, und das gelingt an diesem Abend selten. Wenn Dirigent Jochen Schaaf die (in den Orchesterparts wie dem Karfreitagszauber sehr eindrucksvolle) Rheinische Philharmonie auftrumpfen lässt, verschwindet alles andere - nicht zuletzt der Männerchor, der von irgendwo weit hinten in den Saal murmelt, wo er doch Amfortas bedrängen und bedrücken müsste.
Dass die Probleme nicht am Konzertchor liegen, hat der erste Teil der Veranstaltung gezeigt. Bruckners Psalm 150 und sein "Te Deum" liefern den 100 Sängerinnen und Sängern deutlich mehr Profilierungschancen.
Dabei zwingt der Psalm Orchester und Chor zu einem Kaltstart, von Null auf Hundert in wenigen Sekunden. Da knirscht am Anfang noch die Kupplung, und das Einlegen der Gänge wirkt etwas ruppig. Doch beim "Te Deum" läuft der Motor rund, verschafft sich der Chor Profil, liefert sich mit den Solisten (neben Bieber und Grümbel noch Julia Sukmanova und Claudia Huckle) packende Duelle.
Jochen Schaaf ist kein Charismatiker am Taktstock, aber er hält den Laden zusammen. Doch auch bei Bruckner erschlagen die Instrumente zu oft die Stimmen. Für feinsinnige dynamische Differenzierungen ist St. Maximin ohnehin nicht der Ort. Trier hat halt leider keinen Konzertsaal.Extra

Franz-Grundheber-Fans sollten sich den 12. und 21. Juli vormerken: Dann wird der Sänger noch einmal in einer seiner zentralen Rollen, dem Barak aus der "Frau ohne Schatten" von Richard Strauss zu hören sein. Das Aalto-Theater Essen holt die Produktion für zwei Vorstellungen aus dem Archiv. Es ist angedacht, von Trier aus einen Bus einzusetzen, es steht aber noch nicht fest, ob überhaupt genügend Karten in den freien Verkauf kommen. DiL

Mehr von Volksfreund