Fahnen, Flaggen und die Flucht nach Italien

Fahnen, Flaggen und die Flucht nach Italien

TRIER. Schätzungsweise fünf Millionen schwarz-rot-goldene Fähnchen haben sich die Deutschen vor und vor allem während der Fußball-Weltmeisterschaft zugelegt. Noch farbenfroher als beim Mauerfall war die Republik, doch jetzt, wo alles vorbei ist, stellt sich die Frage: Wohin mit der Flagge?

In der Regel erledigen sich solche Dinge von selbst, geraten in Vergessenheit oder landen im Privatfernsehen, wo dann eine abendfüllende Sendung daraus gemacht wird. Nach "Die erfolgreichsten Musiker", "Die zehn Reichsten der Welt" oder "Die zehn unnötigsten Menschen im Showgeschäft" wird sie dann irgendwann kommen, die Sendung: "Die zehn schönsten Deutschland-Fähnchen der WM 2006".Versteckt, vergessen und vergammelt

Vorausgesetzt, die rund fünf Millionen Flaggen, die sich Bundesbürger entweder gekauft oder in Waschmittelpackungen haben andrehen lassen, sind bis dahin nicht alle entsorgt. Denn wenn Ernüchterung eintritt und der schwarz-rot-goldene Begleiter auf einmal gar nicht mehr so sexy ist, wird er entbehrlich. Das, was für kritische Gesellschaftsbeobachter vor einigen Wochen das bedrohliche Aufkeimen eines neuen Nationalstolzes zu sein schien, liegt jetzt hinter dem Fahrersitz, im Fußraum, irgendwo zwischen Fast-Food-Verpackung und dreckigen Klamotten. Aus der Feinwaschmittel-Tonne kam sie, in der grauen Tonne verschwindet sie. Oder doch im gelben Sack? Vielleicht in der Altkleidersammlung? Das hängt allerdings davon ab, aus welchem Material das Fähnchen oder die Flagge ist. Generell gilt: Im gelben Sack dürfen die Dinger nicht landen. Dafür müssten sie Verpackung sein, doch dazu wird eine Fahne auch dann nicht, wenn man darin eingewickelt nach Verlängerung und Elfmeterschießen am Bierstand eingeschlafen ist. Für die textile Aufbereitung sind die dreifarbigen Rechtecke nur dann zu gebrauchen, wenn sie aus Stoff sind - und das sind jene, die an Autofenstern befestigt quer durch Deutschland unterwegs waren, in der Regel nicht. Für diese billige Synthetikware aus Fernost verläuft die Entsorgung über die schwarze Tonne, falls sie sich während der Fahrt nicht bereits selbst entsorgt hat. Doch müssen die Dinger überhaupt auf die Kippe, auch wenn sie im weiteren Sinne nichts anderes sind als Restmüll? Warum sollen sie in hochtechnischen Verbrennungsanlagen landen, wenn sie doch genauso gut zusammengefaltet in der Schublade liegen können? Bis zur nächsten Weltmeisterschaft. Oder Europameisterschaft. Oder Italienurlaub. Italien eignet sich als Endlager, denn mit der Müllsortierung nimmt man es dort nicht so genau. Außerdem können damit - anstatt mit Handtüchern - die Liegen an Pool und Strand reserviert werden. Dann wissen die freundlichen Gastgeber sofort, mit wem sie es zu tun haben und schimpfen nicht unnötig über die Engländer, so wie wir es hier mit unseren niederländischen Urlaubern tun. Und mit den belgischen - wobei die uns ja bei der Verwertung unserer Fähnchen durchaus von Nutzen sein können. Die belgische Fahne sieht ja ähnlich aus wie unsere, deren Gelb ist mit unserem Gold weitestgehend identisch, und die paar Unterschiede bei der Farbanordnung sind mit ein paar Scherenschnitten und etwas Tesafilm schnell aus der Welt geschafft. Dass die Belgier in den kommenden 400 Jahren aller Voraussicht nach keine Fußball-Weltmeisterschaft austragen werden, für die das recycelte Fahnengut dann Verwendung finden würde, muss bei der gemeinsamen, grenzübergreifenden Bastelaktion ja nicht erwähnt werden. Allerdings bewegen sich Fähnchenzerschnippler bei dieser Vorzelt-Aktion auf gefährlichem Terrain zwischen Hochverrat und Gefährdung des demokratischen Rechtsstaats. Schließlich heißt es in Paragraf 90a des Strafgesetzbuchs: "Wer öffentlich (...) die Farben, die Flagge, das Wappen oder die Hymne der Bundesrepublik Deutschland oder eines ihrer Länder verunglimpft, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft." Wer also bei der Europameisterschaft 2008 mit seinem (dann neuen) Fähnchen nicht aus dem Knastfenster winken möchte, sollte dem Belgier die Schere in die Hand drücken und sich selbst nur aufs Zusammenkleben konzentrieren.