Faire Arbeitsbedingungen und gerechte Bezahlung in der Kunst - Kulturschaffende aus der Region diskutieren im Trierer Kasino

Faire Arbeitsbedingungen und gerechte Bezahlung in der Kunst - Kulturschaffende aus der Region diskutieren im Trierer Kasino

"art but fair" - unter diesem Titel setzt sich eine Initiative für den fairen Umgang mit Musikern und darstellenden Künstlern ein. Eine Diskussion im Trierer Kasino enthüllte in der Tat katastrophale Zustände bei Arbeitsbedingungen und Bezahlung. Lösungsansätze zeichneten sich unter den sechs Gesprächsteilnehmern allerdings nicht ab.

Trier. Die Unkenntnis über die soziale Situation der Künstler gehört zu den großen Verdrängungsleistungen der deutschen Gesellschaft. Grund genug, in einer Diskussionsveranstaltung im Trierer Kasino über die Lage derer zu informieren, die im bestehenden Kunst-, Musik- und Theaterbetrieb ihre Arbeit erledigen. Diese Umstände sind in der Tat katastrophal. Die Initiative "art but fair" (ABF) kämpft seit zwei Jahren für angemessene Vergütungen und faire Arbeitsbedingungen. Das ist im angeblichen Kulturland Deutschland den Versuch allemal wert.Makabres Mosaik


Die Fakten, die alle sechs Diskussionsteilnehmer unter Leitung von Thomas Vatheuer zusammentrugen, waren erschreckend. Sie ergänzten sich rasch zu einem makabren Mosaik.
Daniel Ri, ABF-Gründungsmitglied, nahm die mickrige Tagesgage von Schauspieler-Aushilfen ins Visier: 90 Euro - selbstverständlich bei unbezahlten Proben zwei Wochen lang. Triers Intendant Karl Sibelius berichtete von "unwürdigen Gageverhandlungen", betonte allerdings auch, das Trie-rer Theater zahle mit 1900 Euro pro Monat etwa 200 Euro mehr als die Mindestgage. Bariton Christian Sist verkündete seinen Austritt aus der in Sachen Bezahlung und Arbeitsbedingungen praktisch untätigen Spartengewerkschaft. Und Rainer Laupichler, Geschäftsführer der Eifel Kulturtage und Fernseh-Schauspieler, gab einen Einblick in das finanzielle Innenleben der Film- und Fernsehproduktionen, mit miserablen Bedingungen für die meisten Akteure. Sogar beim Kultfilm "Das Leben der Anderen" seien die meisten Darsteller finanziell leer ausgegangen. "Sogar für mich ist jedes Jahr ein Vabanque-Spiel!"
Hermann Lewen, Intendant des Mosel Musikfestivals (MMF) brachte dann die Sicht des Konzertmanagers ein. Das "Überangebot" an Künstlern fördere die Bereitschaft, unter Wert zu arbeiten. Veranstalter, die selber finanziell unter Druck stünden, würden darauf eingehen.
Teneka Beckers vom Trierer Kulturzentrum Tuchfabrik erklärte, sie sehe keinen Ausweg aus der Zwickmühle von tendenziell sinkendem Etat, höheren Ausgaben für Technik und Verwaltung und menschenwürdigen Künstlergagen. "Wir schaffen das nicht immer."
Ganz klar wurde: Die finanziellen Probleme, die durch Kostensteigerungen und Kürzung bei Staatsgeldern oder Sponsoring entstehen, werden vom Kulturmanagement notgedrungen nach unten weitergereicht. Ganz klar wurde auch: Solidarität ist unter Künstlern ein Fremdwort.
All das summierte sich zu einer eindeutigen, wenn auch wenig fantasievollen Alternative: Entweder die Gesellschaft will ein Theater, und das kostet - wenn auch nur einen kleinen Prozentsatz im öffentlichen Haushalt. Oder man verzichtet auf künstlerische Professionalität - mit weitreichenden Folgen für die städtische Kultur. In der Theater-Ära von Gerhard Weber hieß das kurz und prägnant: "Ist das Kultur oder kann das weg?"Vorsichtige Akzente


Leider trat die Diskussion mit wachsender Dauer immer offensichtlicher auf der Stelle. Kulturdezernent Egger hatte aus persönlichen Gründen abgesagt. So blieben die Theaterleute mit ihren berechtigten Klagen unter sich, und nur Beckers und Lewen setzten vorsichtig neue Akzente. Lösungsansätze blieben aus.
Gegen die allgemeine Ratlosigkeit scheint sogar die Künstler-fantasie machtlos zu sein. Allenfalls bei Sibelius zeichnete sich eine Perspektive ab. Der Theaterintendant forderte ein "kulturfreundliches Umfeld", in der Menschen das Theater für wichtig halten - auch dann, wenn sie selber nicht hingehen. Da wäre allerdings endgültig die Politik gefragt.
Zu Beginn des Abends hatte Karl Sibelius in seinem Ein-Mann-Stück "Alles bleibt anders" als ungemein flexibler und emotionsstarker Darsteller brilliert. Die "Goldene Stechpalme" der "art but fair" ging an den Musical-Unternehmer Michael Thinnes und seine Firma "Miga Entertainment", deren Insovenz zahlreiche Kleindarsteller um ihr Honorar brachte. Thinnes war zur Übergabe nicht erschienen. Aber das hatte sicherlich keiner der 120 Besucher erwartet.Meinung

Nicht ohne die Politik!
Am Sonntag war es im Trierer Kasino mal wieder soweit. Künstler monieren die unwürdigen Arbeitsbedingungen und die miserable Bezahlung. Sie klagen unter Kollegen. Und die reagieren zu Recht genauso erschüttert wie das Publikum. Das war's dann, und alle gehen zur Tagesordnung über. So kann das nicht weitergehen. Nicht nur alle, die irgendwie mit Kultur zu tun haben, brauchen eine großangelegte öffentliche Debatte. Sondern die ganze Stadt, vielleicht das ganze Land. Nur über diese Debatte lässt sich ein Konsens wiederfinden - die Überzeugung, dass Kultur für das städtische Leben unverzichtbar ist, auch wenn man selber nur am Rande davon profitiert. Künstler, Politik und Öffentlichkeit brauchen den Dialog. Nur dann lassen sich die finanziellen Zwangssituationen vermeiden, in die gerade kulturfreundliche Kommunen immer tiefer hineinschlittern. nachrichten.red@volksfreund.de

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