"Falsche Welt"

Der Produktionstitel "Falsche Welt, dir trau ich nicht" klingt leicht verstaubt. Aber die szenische Aufführung von drei Bach-Kantaten könnte die Musik des Thomaskantors ganz neu und ganz aktuell präsentieren. Die Inszenierung besorgte der angesehene Regisseur Peter Konwitschny. Der Alte Musik-erfahrene Michael Hofstetter übernimmt die musikalische Leitung.

Trier. Es ist Musik ganz aus der Mitte von Johann Sebastian Bachs reichem Schaffen. Die drei Kantaten ("Falsche Welt, dir trau ich nicht", "Mein Herze schwimmt im Blut" und "Ach wie flüchtig" ) gehören zu der Werkgruppe, die bei Bach die umfangsreichste ist - und trotz der Passionen und der h-Moll-Messe auch die reichhaltigste. Obwohl der Thomaskantor Woche für Woche eine Gottesdienstmusik zu komponieren und aufzuführen hatte, sind die Resultate dieser immensen Arbeitsleistung nie schematisch. In der Verbindung von Vokal- und Instrumentalsatz glänzen die Kantaten mit einer Kompositionskunst, die nie mehr übertroffen wurde. Und trotz der zeitgebundenen und manchmal auch mittelmäßigen Texte - Bachs Musik lotet die Tiefen menschlicher Existenz aus.
Triers Theaterproduktion, die am Samstag Premiere hat, mit der szenischen Umsetzung dieser Kantaten hat alle Chancen, ein Glücksfall zu werden. Mit Peter Konwitschny stellt ein weltweit beachteter Regisseur die Werke auf die Bühne. Und mit Michael Hofstetter steht ein Dirigent im Graben, der mit Alter Musik vertraut ist - und da vor allem mit Bach. Dass sich ein Regisseur vom Rang Konwitschnys nicht auf museale Reproduktion kapriziert, keine Frage! Konwitschny wolle Bachs Musik und ihre Texte "herausreißen in die Gegenwart", wolle ihre existenzielle Dimension auf die Bühne bringen, sagt Hofstetter. Darin liegt zweifellos auch ein provokantes Potenzial. Harmlos und gemütlich ist die Inszenierung ganz gewiss nicht. Aber doch wohl gefühlsstark und aufrüttelnd.
Eines steht dabei fest. "Falsche Welt" ist keine Produktion, die Bachs Musik kürzt, verändert, womöglich entstellt. "Wir führen die drei Kantaten komplett auf", sagt Michael Hofstetter. Der Dirigent, der seit 2012 Generalmusikdirektor in Gießen ist, erarbeitet mit den Trierer Philharmonikern die rhetorische Dimension in Bachs Musik, ihre Klangrede. Selbstverständlich lasse sich "historisch informiertes" Musizieren, dessen Studium Jahre braucht, nicht in wenigen Proben komplett vermitteln. Aber Hof-stetter lobt die Flexibilität, die Aufnahmebereitschaft, die künstlerische Sensibilität der Trierer Philharmoniker. Für das Orchester ist die Arbeit mit einem Kenner historischer Interpretation eine Chance. Auch musikalisch also könnte die Produktion zum Glücksfall werden.
Premiere am Theater Trier ist am 11. Juni, 19.30 Uhr. Eine weitere Aufführung ist am 15. Juni, 19.30 Uhr.
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Extra

Peter Konwitschny, Sohn des Dirigenten Franz Konwitschny, arbeitete von 1980 an als Regisseur, zunächst in der DDR, später im Westen mit dem Schwerpunkt Wagner. Seine Auffassung eines modernen Regietheaters setzte er vor allem in Hamburg um und erreichte große Publikumserfolge. Michael Hofstetter, geboren in München (TV-Foto: Martin Möl´ler), begann seine Karriere an den Theatern in Wiesbaden und Gießen (Generalmusikdirektor) und war außerdem Professor für Orchesterleitung und Alte Musik an der Universität Mainz. Als Chefdirigent prägte er von 2005 bis 2012 die Ludwigsburger Schlossfestspiele, unter anderem mit Aufführungen von Verdi und Wagner auf Originalklanginstrumenten. Von 2006 bis 2013 war er Chefdirigent des Stuttgarter Kammerorchesters. Seit Herbst 2012 ist er erneut Generalmusikdirektor des Stadttheaters Gießen sowie Chefdirigent des recreation Grosses Orchester Graz und des neugegründeten "styriarte Festspiel-Orchesters". Sein Projekt "Actus Tragicus" ist eine szenische Umsetzung von sechs Bachkantaten, die mit dem Bayerischen Theaterpreis ausgezeichnet wurde. mö