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"Fantasien" liegt nicht im Computer

"Fantasien" liegt nicht im Computer

TRIER. Im April wartet die an Attraktionen wahrlich nicht arme Theatersaison mit einem Höhepunkt auf: "Die unendliche Geschichte" nach dem Kultbuch von Michael Ende wird als Oper uraufgeführt. Ihr Komponist Siegfried Matthus, einer der renommiertesten im Lande, weilte dieser Tage in Trier.

Der 69-jährige Berliner leistet im Moment Schwerstarbeit, aber eine von der angenehmen Sorte. Die Uraufführung seines jüngsten Werks teilen sich mit Trier, Weimar und Hagen gleich drei Städte. In Trier und Weimar ist am 10. April Premiere, Hagen zieht Anfang Mai nach. Und so reist Siegfried Matthus dieser Tage gemeinsam mit dem Librettisten Anton Perrey durch die Lande, konferiert mit Regisseuren, berät Dirigenten, schaut sich Bühnenbild-Entwürfe an. Solch vergnüglicher Stress ist zeitgenössischen Opern-Komponisten nicht alle Tage gegönnt. Selbst wenn sie wie Matthus zu den Bekanntesten und Erfolgreichsten gehören. Kompositionsaufträge sind rar in Zeichen knapper Mittel, vor allem für junge Tonsetzer. Der arrivierte Eisler- und Felsenstein-Schüler kennt die Sorgen des Nachwuchses, sowohl als Leiter der Opernestspiele Schloss Rheinsberg wie als langjähriger Gema-Aufsichtsrat. Die Zeiten sind hart, nicht nur, weil bei der Wahl des größten Deutschen Daniel Küblböck vor Wolfgang Amadeus Mozart landet - was bei Matthus ein verständnisloses Kopfschütteln auslöst. Dass zeitgenössische Opernwerke quasi einen integrierten Abschreckungs-Faktor für das Publikum besitzen, lastet er freilich auch der Abgehobenheit mancher Komponisten in den letzten Jahrzehnten an. "Plastisch" solle die Musik sein, Figuren überzeugend charakterisieren - so fordert Matthus es schon lange. Die Rechte an der "Veroperung" der "Unendlichen Geschichte" hatte er vom 1995 verstorbenen Michael Ende noch persönlich erhalten. Die Geschichte von Bastian Balthasar Bux und seiner Reise ins Land "Fantasien" kannte er vom Lesen her ursprünglich nicht. Seither hat er das Thema eingekreist, zunächst mit einem Ballett, dann mit einer "Orchesterfantasie", die ihm auch wesentliche Motive für die jetzige Opernversion lieferte. Speziell für Kinder hat er dabei nach eigenem Bekunden nicht komponiert. So wie Endes Geschichte ja auch keineswegs ein reines Kinderbuch ist. Kunst, die Erwachsene und Kinder gleichzeitig anspricht, fasziniert den Großvater Matthus, der sein neues Werk seiner Enkelin gewidmet hat. Ob er Lust hätte, aus "Harry Potter" eine Oper zu machen? Das klare "Ja" klingt spontan und ehrlich. Aber gerade die vielschichtigen Fantasy-Geschichten müssen für die Möglichkeiten des Musiktheaters aufwändig hergerichtet werden. Und so hat Matthus das Libretto diesmal nicht selbst geschrieben, sondern den Theater-Praktiker Anton Perrey hinzugezogen. Der setzt auf "große Handlungsszenen" und das "Mit- und Nacherfinden des Textes". So soll aus dem Roman ein packendes Theaterstück entstehen. Vor der Konkurrenz mit dem Buch und den populären Film-Versionen hat Perrey keine Angst. Er hofft, "ein drittes, eigenständiges Genre zu schaffen". Dass man angesichts der großen Erwartungen aber auch ausstattungsmäßig einiges bieten muss, ist dem Sänger und dem Komponisten klar. "Technik allein ist kalter Kaffee"

Ursprüngliche Überlegungen, in Zusammenarbeit mit dem Computer-Riesen IBM ein virtuelles Bühnenbild zu kreieren, ließen sich nicht in die Tat umsetzen. So setzt man auf die Fantasie und das Können der Regie, für die in Trier Intendant Lukas-Kindermann persönlich verantwortlich zeichnet. Er habe sich "jahrelang intensiv um diese Produktion bemüht", sagt Matthus anerkennend. Apropos Fantasie: Es sei, so der Komponist, die größte Gefahr für die Menschheit, wenn sie ihre Fantasie nur noch auf den Computer konzentriere. "Technik allein ist kalter Kaffee", betont er, um im gleichen Atemzug einzuräumen, dass er seine Partituren neuerdings auch nicht mehr von Hand schreibt, sondern am PC. Am 10. April müsste er sich teilen, angesichts der doppelten Uraufführung. Aber er hat einen charmanten Alternativvorschlag: Wenn es gelänge, für den 13. April in Trier eine Vorstellung anzusetzen, könnte er seinen 70. Geburtstag angemessen feiern. Mit d