"Faust" und andere große Stoffe für die Region

"Faust" und andere große Stoffe für die Region

Personalquerelen, Eklats und Finanznöte bestimmen die Diskussion um das Trierer Theater. Über die Kunst spricht derzeit kaum jemand - und das kurz vor den ersten Premieren der Spielzeit. Höchste Zeit, dem alten "Faust", dem Froschkönig und den frivolen Mädchen aus dem Musical "Cabaret" ein paar Zeilen zu widmen.

Trier. Karl Sibelius wirkt angespannt, dünner als sonst, die vergangenen Monate haben ihm sichtbar zugesetzt. Hinter seinen großen Brillengläsern zeichnen sich Falten ab, die sonst kaum auffielen, weil er lachte, scherzte, schwelgte, schimpfte, feixte, grinsend frohlockte und charmant sein Feuer versprühte - doch nun ist er ernst. Kein plötzliches Glucksen, kein Augenrollen, keine Anekdötchen.
Wenn die Presse ihn zuletzt kontaktierte, wollte sie meist über die desolaten Theaterfinanzen sprechen, über Personalquerelen und die Kritik an ihm, dem Intendanten. Schwer, das abzuschütteln. Dabei freut er sich, endlich mal wieder über die Kunst zu reden. Über das, was sein Haus dem Trierer Publikum ab dem 24. September bietet, wenn das erste Premierenpublikum dieser Spielzeit ins Foyer strömt. So geht es auch Tanzdramaturgin Waltraud Körver. "Wir sind hier, um zu spielen, zu tanzen, zu singen, um Menschen zu bewegen und zu berühren." Also: Vorhang auf!
Fast täglich eine Vorstellung


Schon ein Blick auf das Programm für September und Oktober genügt, um zu erkennen, dass mehr gespielt wird: Fast jeden Tag ist was geboten. Der "Premierenwahnsinn" der ersten Saison unter Sibelius wiederholt sich zwar nicht. Doch dürfte es bis Ende Oktober mit sechs Premieren auch nicht allzu langweilig werden. Das Kinderstück wird nicht bloß 25, sondern wieder 40 Mal gespielt, was der Besucherstatistik guttun dürfte.
"Der Spielplan ist auf meine Ansage hin entstanden, einen Schritt auf das Publikum zuzugehen", sagt Sibelius. Er soll bekannte Titel bieten und mehr Vielfalt. "Nicht immer diese Performance-Ästhetik", sagt Sibelius. Dazu gehöre, auch wenn das spießig klinge, ein Stück mal so zu zeigen, wie es im Buche steht. "Ich will, dass man einen Faust versteht, ohne dass man eine Inhaltsangabe lesen muss", sagt Sibelius. "Wir gehen mit diesem Spielplan auf die Bedürfnisse der Trierer ein. Sie möchten nicht immer nur geschockt werden", ergänzt Körver. "Das heißt nicht, dass wir unmutig werden, sondern dass wir ein bisschen hier angekommen sind". Und so haben alle Spartenleiter große Stoffe ausgesucht, die dem Trierer Publikum Spannendes bieten sollen. Ein Vorgeschmack auf die ersten Wochen:
Los geht es am 24. September im Großen Haus mit Shakespeares unsterblicher Komödie "A Midsummer Night's Dream", allerdings als Opernadaption von Benjamin Britten. Laut Spielplanheft bietet diese den Zuschauern 70 Prozent Sex (es geht schließlich um Liebe und Leidenschaft im Elfenreich), 25 Prozent Drugs (Kobold Pucks Liebeszauber, der reichlich Verwirrungen stiftet) und nur fünf Prozent Rock ,n' Roll (es ist ja auch eine Oper, die musikalische Leitung hat Generalmusikdirektor Victor Puhl).
Der nächste Höhepunkt der ersten Wochen folgt gleich am 25. September mit der Premiere des Musicals "Cabaret". Gezeigt wird es nicht im Großen Haus (was wohl besser wäre für die Zuschauerbilanz), sondern im Kasino am Kornmarkt (was sicher besser ist für die Zuschauer, weil die Atmosphäre so zur Handlung passt): Diese spielt in einem Nachtclub der 1920er-Jahre, wo Berlin feiert, als ob es kein Morgen gäbe. Der amerikanische Schriftsteller Clifford Bradshaw gerät in den Sog dieses Lebensstils, während der Aufstieg der Nazis die Atmosphäre vergiftet.
Auch dabei: Herz und Schmerz


Ein zweifellos ganz großer Stoff ist ab dem 3. Oktober zu sehen, wenn "Faust I" Premiere hat. Johann Wolfgang von Goethes Tragödie wird, wenn die Inszenierung von Ronny Jakubasch Sibelius' Wunsch entspricht, verständlich sein und nah am Original, in welchem ein zutiefst unzufriedener Forscher einen Pakt mit dem Teufel schließt, eher er Gretchen ins Unglück stürzt. (Klassik: 30 Prozent, neu: 20 Prozent, Denken: 50 Prozent).
Einen höchst ungewöhnlichen, doch passenden Spielort hat der Intendant und in diesem Fall auch Regisseur Sibelius für das Gerichtsdrama "Terror" von Erfolgsautor Ferdinand von Schirach gewählt (Premiere: Freitag, 14. Oktober): das Amts- und Landgericht Trier. Ein Luftwaffenpilot muss sich dafür verantworten, eine Lufthansa-Maschine abgeschossen zu haben. Als 100-facher Mörder ist er angeklagt. Als Held wird er gefeiert. Denn das Flugzeug war in der Hand von Terroristen. Trierer Bürger entscheiden nicht nur über den Ausgang, sie stehen auch auf der Bühne.
Für alle, die lieber Herz (50 Prozent), Schmerz (zehn Prozent) und Kitsch (50 Prozent) mögen, empfiehlt sich ab dem 22. Oktober ein Besuch "Im Weißen Rössl" (musikalische Leitung: Wouter Padberg, Inszenierung: Christian von Goetz) - in diesem Hotel im Salzkammergut kommt es im bekannten Singspiel zu allerlei turbulenten Liebesverwicklungen, die so manchem auch aus dem gleichnamigen Film mit Peter Alexander bekannt sein dürften.
Das musikalische Märchen "Der Froschkönig" ist die erste Premiere für Kinder (Sonntag, 23. Oktober). Text, Regie und musikalische Konzeption übernimmt Mezzosopranistin Vera Ilieva, die 1981 erstmals am Stadttheater sang. Die Geschichte von Prinzessin Annabell, ihrer goldenen Kugel und dem verzauberten Frosch ist exakt jene, die Kinder seit Generationen lieben.
Auch mehrere Konzerte sind in den ersten Wochen geplant: Die beliebte Reihe "Family Classics" lockt am 2. Oktober mit Edvard Griegs "Peer Gynt", das erste Sinfoniekonzert (Dirigent: Victor Puhl) ist am Donnerstag, 6. Oktober, und das Landesjugendorchester spielt am Sonntag, 23. Oktober (alle im Großen Haus).
Die Reihe "Porträts" wird wieder aufgenommen. Die ersten Schauspieler, die sich vorstellen, sind Klaus Michael Nix (4. Oktober, Kasino), Tilman Rose und Barbara Ullmann (15. Oktober, Foyer).
"Wir wollen alles tun, um zu zeigen, dass wir für diese Stadt da sind", sagt Sibelius. Kein Anbiederungstheater machen. Aber auf die Menschen zugehen.Extra

WeitereHighlights der Saison: Die Sparte Schauspiel lockt mit bekannten Stoffen wie Hermann Hesses "Der Steppenwolf", Kleists "Amphitryon" und Oscar Wildes "Ernst ist das Leben (Bunbury)". Als Kinderstück wird Jules Vernes "In 80 Tagen um die Welt" gezeigt. Oper: Gespielt wird nicht Mozarts "Zauberflöte" sondern "Idomeneo". Engelbert Humperdincks Märchenoper "Hänsel und Gretel" und Hans Krásas "Brundibár" bieten musikalischen Stoff auch für Kinder. Zwei Experimente würzen den Plan: Bela Bartoks "Herzog Blaubarts Burg" wird eine Zusammenführung von Sinfoniekonzert, Oper und medialen Einblendungen. "Der Ring - Babybabyballaballa" widmet sich nordischen und afrikanischen Archetypen. Die Tango-Oper "Maria de Buenos Aires" wird zur Kooperation zwischen Musik- und Tanztheater. Die Musicalsparte wartet mit bekannten Titeln auf. Nach "Cabaret" und "Im weißen Rössl" folgt die Musicaladaption von "Die Brücken am Fluss", dem Filmklassiker mit Meryl Streep und Clint Eastwood. "Murder Ballad" ist im Kasino als deutsche Uraufführung zu sehen, das Rockmusical "Jekyll & Hyde Resurrection" im Großen Haus. Im Tanztheater setzt man auf bekannte Künstler, wie in "Stabat Mater", einem getanzten Requiem in Urs Dietrichs Choreografie. Susanne Linke inszeniert mit "Hommage à Dore Hoyer" eine Rekonstruktion von Dore Hoyers "Afectos Humanos". Tänzer der Company entwickeln in "Next Generation!" eigene Arbeiten und für "Tanz 4" kommen drei international tätige Choreographen nach Trier. Konzerte: Generalmusikdirektor Victor Puhl plant acht Sinfoniekonzerte, seine Weltmusikreihe, Klassik um Elf, Family Classics, ein Neujahrskonzert und Kammermusik. stbr/mos