Feinsinnige Balance, weiter Durchblick

Feinsinnige Balance, weiter Durchblick

Mit einer unbedingt sehenswerten Schau eröffnet das Kunsthaus Zendscheid im Kylltal sein Ausstellungsjahr. Zu Gast sind die beiden Bildhauer Martin Schöneich und Jhemp Bastin.

Zendscheid. Unten plätschert munter die Kyll. Gegenüber steht der dunkle Wald und schweigt. Einen Kunstort fernab der Zentren einzurichten, ist ein achtunggebietendes Wagnis. Im Fall des Kunsthauses in Zendscheid (Eifelkreis Bitburg-Prüm) auch ein besonders reizvolles. Allein der Standort in einem schön restaurierten Bauernhaus im idyllischen Kylltal zwischen Kyllburg und Gerolstein ist zauberhaft.
Seit zwei Jahren präsentiert Inhaberin Lydia Weber dort zeitgenössische Kunst (der TV berichtete) überregional und grenzüberschreitend. Dabei verliert die Galeristin nicht das Kunstgeschehen der regionalen Szene aus den Augen. Mit der aktuellen Ausstellung zweier Bildhauer ist der Kunsthaus-Chefin eine eindrucksvolle Schau gelungen, in der die gezeigten Skulpturen eine wunderbare Synthese mit der kompakten Architektur des alten Hauses eingehen. Dabei wird eine ganz neue Sicht auf Raum wie Kunstwerk möglich.
"Mit geht es um Leichtigkeit"


Zwei in der Anmutung ganz unterschiedliche Positionen, werden in Zendscheid präsentiert. Den Corten-Stahl-Skulpturen des in der Pfalz lebenden Bildhauers Martin Schöneich stehen die Holzskulpturen des Luxemburgers Jhemp Bastin gegenüber. Der 1955 geborene Schöneich, der an der Münchner Kunstakademie studierte, gehört zu den bedeutenden deutschen Bildhauern. Übrigens ist er in Trier kein Unbekannter. Eine seiner Arbeiten steht dort vor dem Finanzamt in Trier-Süd.
In Zendscheid präsentiert Schöneich zwei auf den ersten Blick einander entgegengesetzte Werkgruppen, die bei näherem Hinschauen eng zusammenhängen. Gezeigt wird im Obergeschoss eine ältere Gruppe kleiner, kompakter Objekte. Es sind dichte Kosmen, vielfältig ineinander verfugt, deren Energie nach innen gerichtet ist. Nur zuweilen lockern vorsichtige Auskragungen den engen Zusammenhalt. Die Leichtigkeit des Seins hat Schöneich in seiner neuen Werkgruppe entdeckt, die im Erdgeschoss gezeigt wird. "Mir geht es um Leichtigkeit", bestätigt der Bildhauer. Das Formenvokabular ist das gleiche geblieben.
Wie bei den älteren Arbeiten bestimmen auch hier geometrische Formen das Geschehen. Verändert hat sich dagegen die Dynamik. Was nach innen gerichtet war, strebt nun nach außen. Die kompakte Dichte hat sich aufgelöst, die Schwere ist der sensiblen Balance und dem bisweilen fast anmutigen Spiel mit Gewichten und Formen gewichen. Die augenscheinliche Schwerelosigkeit findet Halt in einer ruhenden Mitte. "Genauso wie es beim Menschen ist", lacht Schöneich.
Arbeit mit Kettensäge und Farbe


Auch Schöneichs Kollege Jhemp Bastin greift in seinen Skulpturen Raum, allerdings auf ganz andere Art. In Trier war der Luxemburger Holzbildhauer (Jahrgang 1963), der an den Kunstakademien in Brüssel und Paris studierte, übrigens bereits als Kandidat für den Robert-Schuman-Preis sowie in der Tufa zu sehen. Bastins Werkstoff ist das Holz, sein Gerät die Kettensäge, die er geradezu virtuos beherrscht. Wie sein Pfälzer Kollege ist auch der Luxemburger ein abstrakter Künstler, dessen Grundform die geometrische ist. "Als Bildhauer interessiert mich die Form", nickt er. Ihre Raumverhältnisse, ihren Rhythmus, die Transparenz und Spannung, die sich aus dem Miteinander von durchbrochenen und geschlossenen Flächen ergibt, lotet er einfallsreich aus. Das naturbelassene Holz mit seinen Spuren von Wachstum wie Verfall gibt den Arbeiten eine malerische Oberfläche und schafft die Verbindung zwischen Natur und Kultur.
Spannung und austarierte Balance erzeugt Bastin nicht zuletzt durch den Einsatz von Farbe. Der festen Form des hellen Naturholzes fügt Bastin häufig mit Holzkohle geschwärzte Gitter ein, die Durchblick und damit neuen Raum schaffen. In den Raum greifen auch jene Baumstämme, deren auseinander driftende Hälften an Rückgrate erinnern. Alles bleibt in der Schwebe, in dieser ausgesprochen sehenswerten Schau, die angelegt ist auf Weitsicht und Veränderung.
Die Ausstellung ist bis zum 16. Juli samstags und sonntags, jeweils von 13 bis 18 Uhr geöffnet sowie nach Vereinbarung; weitere Informationen auf www. kunsthauszendscheid.wordpress.com oder unter Telefon 0151/40747679.

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