Festival am Scheideweg

Festival am Scheideweg

TRIER. Im neunten Jahr ihrer Existenz stehen die Trierer Antikenfestspiele mit dem Rücken an der Wand. Die Besucherzahlen haben sich gegenüber guten Jahren fast halbiert, das überregionale Interesse tendiert gegen Null. Dringend gefragt sind Ideen, um den Karren wieder flott zu machen.

Es ist gerade einmal drei Jahre her, da schienen die Antikenfestspiele auf dem Weg nach ganz oben. Mehr als 13 000 Besucher drängten sich ins Amphitheater, gediegene Wagner-Fans aus ganz Deutschland kamen zu "Rienzi", massenhaft jugendliches Publikum bewunderte Ralf Bauer in "Julius Caesar", das überregionale Feuilleton staunte über Trier. Es sah so aus, als stünden dem 1998 mit großen Ambitionen gegründeten Festival nach schwierigen Kinderjahren endlich rosige Zeiten bevor.Katerstimmung statt Euphorie

Drei Spielzeiten später herrscht Katerstimmung. Die Besucherzahlen bleiben selbst hinter der Katastrophen-Saison 2000 zurück, als der Sommer ins Wasser fiel und die Festspiele im Strudel unterzugehen drohten. Obwohl in den neun Kaiserthermen-Vorstellungen weniger Plätze angeboten wurden als je zuvor, war kein Abend ausverkauft. Und das trotz massenhaft "normaler" Theater-Abonnenten, mit denen man "Ariadne auf Naxos" halbwegs gut gefüllte Ränge bescherte, ohne dass sie eigens eine Karte für die Festspiele erworben hätten. Der überregional groß angekündigte Abend mit Schauspiel-Legende Jutta Lampe wurde schon frühzeitig abgesagt, bei René Kollo blieb das Festzelt erschreckend leer, die Lesung "Narziss" fiel einfach aus, ohne dass es weiter Erwähnung fand. Die zweite Medea-Vorstellung war am Tag nach der Premiere so ungünstig platziert, dass die Hälfte der Plätze unbesetzt blieb. Dazu kam das Debakel bei der "Ariadne"-Premiere, als merkwürdige Missverständnisse, unglückliche Entscheidungen und Organisations-Pannen dazu führten, dass das Gros des Publikums nach einer kurzen Regen-Unterbrechung unverrichteter Dinge den Heimweg angetreten hatte und das Ensemble alleine zurück ließ. Einen Hauch von Tragik erhält die Festspiel-Saison dadurch, dass die künstlerischen Leistungen in beiden Produktionen bei Besuchern und Kritik gleichermaßen hohe Anerkennung ernteten. Vor allem die aller antiquierten Schlacken entkleidete, in Ästhetik und Inhalt bemerkenswert aktuelle "Medea", die vor der Premiere miserabel verkauft war, sprach sich beim Publikum herum, legte in den letzten beiden Vorstellungen mächtig zu und konnte rauschenden Beifall verzeichnen. Aber auch die spröde "Ariadne" kam bei denen, die sie sehen wollten, durchaus gut an. Doch das waren eben deutlich weniger als im Vorjahr bei der Verdi-Oper "Attila". Eine Salon-Oper für Strauss-Fans, ohne Chor, textlastig, Open-Air kaum spielbar: Der Flop kam mit Ansage. Kein Wunder, dass Intendant Gerhard Weber im Nachhinein einräumt, das Repertoire sei "vielleicht nicht ganz glücklich gewählt" gewesen."Nicht nur Eintracht, auch Festspiele sind abgestiegen"

Man kann es auch drastischer ausdrücken. "Nicht nur die Eintracht, auch die Antikenfestspiele sind in Trier abgestiegen", sagt Oberbürgermeisterkandidat Klaus Jensen. Eine "öffentliche Debatte" über die Zukunft des Festivals sei erforderlich. Selbst Kontrahent Ulrich Holkenbrink, als Kulturdezernent politisch für die Entwicklung der Festspiele verantwortlich, schließt Handlungsbedarf nicht völlig aus: Die Festspiele sollten wieder wie früher "die große Oper in den Mittelpunkt stellen" und sich verstärkt "auf eine große Zugnummer ausrichten". Tatsächlich hat auch eine Expertenrunde, die der "Förderverein Antikenfestspiele" in den letzten Monaten an einen Tisch gebracht hat, den Zickzack-Kurs der vergangenen Spielzeiten und den damit verbundenen Verlust eines klaren Profils als Haupt-Ursache für die Probleme ausgemacht. Lange Jahre war für das Publikum die große Oper mit aufwändigen Kulissen, Stars und Gast-Orchestern der Kernpunkt "seiner" Festspiele. Mit dem Wechsel vom Gründungs-Intendanten Heinz Lukas-Kindermann zu Gerhard Weber gab es dann mal Musical, mal Schauspiel als "Headliner", prominente Stars wurden Mangelware. Der Kredit beim einheimischen Publikum ging verloren, die Strahlkraft über die Region hinaus ebenso. Da half es auch wenig, dass das Theater mit rührendem Einsatz auf Werbetour durch die umliegenden Landkreise zog. Er habe in den vergangenen zwei Jahren "einen intensiven Lernprozess durchmachen müssen", sagt Intendant Weber selbstkritisch, vieles habe er sich "aus der Ferne anders vorgestellt". Nun legt er schriftlich formulierte "neue konzeptionelle Überlegungen" für die Festspiele vor. Kernpunkte: Er will "klare Priorität beim Musiktheater setzen", das Amphitheater "als Veranstaltungsort stärken" und neben einer am "breiten Festspielpublikum orientierten" Hauptproduktion ein zweites, "experimentelles" Werk anbieten. Dabei soll dem Tanztheater eine wichtige Rolle zukommen, vielleicht auch in Form spartenübergreifender Produktionen von Tänzern, Sängern und Schauspielern. Weber führt konkrete Beispiele an. So könnten im Jahr 2008 Verdis Oper "Nabucco" und ein Tanztheater-Projekt zum Thema "Moses" unter dem gemeinsamen Themenschwerpunkt "Menschen im Exil" das Publikum ins Amphitheater locken. Für 2007 steht das Programm mit der Oper "Samson und Dalila" und dem Schauspiel "Ödipus" von Sophokles bereits fest, passt aber ohnehin gut in Webers neue Linie. Für Besetzungs- und Planungsfragen im Musiktheater will sich der Schauspiel-Mann künftig Rat bei externen Experten holen. Ganz klar ist das Konzept noch nicht, es enthält auch Stücke für die Kaiserthermen, ohne dass deutlich wird, wie sie zusätzlich auf die Beine gestellt werden könnten. Die Rede ist von einem "Schwerpunkt Shakespeare", der sich kaum mit dem Tanztheater unter einen Hut bringen lässt - es sei denn, man würde die Zahl der Produktionen deutlich steigern.Bei den Finanzen bleiben viele Fragen offen

Das ist nicht zuletzt eine Finanzfrage, und auch da bleibt einstweilen vieles offen. Manfred Helbach vom Förderverein plädiert seit Jahren für einen verstärkten finanziellen Einsatz von Stadt und Region, verweist auf den sensationellen Erfolg der Wormser Nibelungenfestspiele. Vor allem für effektive überregionale PR-Maßnahmen fehlen bislang die Mittel. Auf Gerhard Webers Wunschliste steht aber noch anderes: Vor allem eine "entschiedene Aufwertung des Zugangs- und Pausenbereichs" im Amphitheater. Auch die Frage einer Orchester-Überdachung will er bei künftigen Bühnenbildern "verstärkt mitdenken". Verstärkt mitdenken will auch die Politik. OB-Kandidat Holkenbrink hält die Festspiele für "unverzichtbar". Konkurrent Jensen fordert eine klare Grundsatzentscheidung: Antikenfestspiele brauche man "entweder richtig oder gar nicht".

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