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Festmesse oder Kammerstück?

Festmesse oder Kammerstück?

Projektchor Eifel singt Rossinis "Petite Messe solennelle" in Wittlich, ein Stück, das schwer einzuordnen ist.

Wittlich Es wirkt wie ein Provisorium: Im Altarraum der Wittlicher St.-Bernhard-Kirche verteilen sich scheinbar beziehungslos Dirigentenpult, Flügel und Harmonium. Kein Orchester. Rossinis "Petite Messe solennelle" ist ein Unikum. Sie beschränkt sich auf Solisten, Chor und die beiden Tasteninstrumente. Aber nicht nur die Besetzung macht den Umgang mit dieser Musik so heikel, Auch der eigenständige Stil des Werks ist für Interpreten eine hohe Hürde.
Rossini hatte ein Komponistenleben lang alle möglichen externen Ansprüche zu berücksichtigen - die Vorlieben im Publikum, die Ansprüche der Sängerinnen und Sänger, die Aufführungsbedingungen, die Eigensucht der Impresarios. Nach seinem Rückzug ins Privatleben 1830 hat er in der Petite Messe komponiert, wie es ihm persönlich gefiel. Darum versagen die herkömmlichen Interpretation-Raster. Ist die Petite Messe solennelle eine Festmesse oder nur ein Kammerstück? Schreibt Rossini seinen Buffo-Stil nur fort, oder verändert er ihn entscheidend? Sind die Fugen und Fugati Stilfassade, oder hat Rossini Bachs Fugenkunst für sich entdeckt? Fragen über Fragen.
Wundert es, wenn dieses Konzert in St. Bernhard zu Wittlich etwas Vorläufiges hatte - trotz der standing ovations von rund 350 Besuchern? Schon der Ort der Aufführung erwies sich als Problem. Rossini hat die Messe nicht für einen Kirchenraum geschrieben. Im Hall des Gotteshauses lösen sich die Klangkonturen auf. Die Balance zwischen den Solisten, dem Projektchor Eifel und den Tasteninstrumenten war immer wieder gefährdet. Und vor allem in polyphonen Passagen blieb der Gesamtklang diffus.
Dabei offenbart sich auch die Achillesferse des Projektchor-Systems. In der (vermutlich) kurzen Probenzeit lassen sich A-cappella-Qualitäten kaum entwickeln. Intonation, Sprach-Deutlichkeit, Präsenz bei Einsätzen, die Strukturierung nach Haupt- und Nebenstimmen bleiben vielfach auf der Strecke. Und nur selten, dann allerdings eindrucksvoll, konnte Dirigent Albert Henn umsetzen, was ihm wohl vorschwebte. Zum Beispiel der dritte Abschnitt im "Kyrie"-Satz: introvertiert, sacht und fast zärtlich ausschwingend.
Die Schwierigkeiten mit diesem Werk bleiben auch in den Solopartien spürbar - trotz mancher Vorzüge. Tenor Carsten Süß allerdings wirft sich in seiner "Domine Deus"-Arie in die Brust, als stünde Puccini im Programm. Und wenn sich Süß und Bassbariton Ekkehard Abele im "Gratias"-Terzett zusammentun, hat Altistin Marion Eckstein keine Chance mehr. So stellte sich Rossini das gewiss nicht vor. Abele verbindet im Übrigen schlanke Tongebung vorteilhaft mit guter Artikulation. Und die junge Sopranistin Karola Pavone gewinnt mit der Zeit an Profil und singt sich im "O salutaris hostia" frei - in der Tongebung noch etwas schmal, aber mit deutlichem Zukunftspotenzial. Und dann das "Agnus Dei". Da entfaltet Marion Eckstein enorme Ausdruckskraft und bleibt dabei ohne Belcanto-Allüren - eine Dramatik, die von innen kommt.
Überhaupt gewann die Aufführung in den letzten Sätzen an Eindringlichkeit. Pianistin Anna Sigalova, die lange Zeit eher routiniert begleitet und dabei vom Pedal allzu reichlich Gebrauch gemacht hatte, sie entdeckte im Solostück "Prélude religieux" ihre Musikalität und gab dem Klavier zu den folgenden Sopran- und Alt-Arien Hellhörigkeit und Sensibilität mit. Und gegen Ende lösten sich auch Christoph Lahme und sein Harmonium von bloßer Klangfüll-Funktion und gaben der Aufführung einen Zug von religiöser Intimität mit. Vielleicht ist gerade solche Intimität ein Schlüssel zu dieser kleinen, feierlichen und dabei wunderbar subtilen Messkomposition.
Die nächste Veranstaltung im Musikkreis Wittlich am Samstag, 20. Mai ,20 Uhr, Synagoge: "Freiheit" mit Musikkabarettist Lars Reichow.
Restkarten gibt es an der Abendkasse. Weitere Informationen im Internet unter <%LINK auto="true" href="http://www.wittlicher-konzerte.de" text="www.wittlicher-konzerte.de" class="more"%>