Fiebertraum eines sterbenden Frauenhelden

Fiebertraum eines sterbenden Frauenhelden

Ein bisschen Wehmut war mit dabei: Im Merziger Zeltpalast feierte das Publikum am Wochenende mit Mozarts "Don Giovanni" die letzte Opernpremiere. Bevor es im nächsten Jahr mit Musicals weitergeht, zeigte die Zeltoper noch einmal alle Qualitäten, mit denen sie sich seit 1994 etabliert hat.

Merzig. Eigentlich könnte die Oper nach zehn Minuten zu Ende sein. Denn im Zweikampf mit dem Vater seiner Geliebten stirbt nicht nur selbiger, sondern auch der Titelheld. Sekundenlang verstummt die Musik, auf Don Giovannis weißem Anzug breitet sich ein Blutfleck aus, der den Rest des Abends nicht mehr verschwindet. Wer ist Täter, wer ist Opfer? Die Grenzen verschwimmen. Im Libretto steht das so nicht, aber in dieser Inszenierung hat es Sinn und Verstand.
Der alles entscheidende Moment


Wer diesen Moment verpasst oder nicht versteht, dem gibt die Regie von Aurelia Eggers womöglich zu viele Rätsel auf. Denn alles, was nun passiert, ist der Fiebertraum eines Sterbenden. Dieser Don Giovanni ist weder ein machtvoller Wüstling noch ein verführerischer Charmebolzen, er ist schlicht unglücklich mit seiner Frauen-Obsession. Verfolgt von unheimlichen Masken, konfrontiert mit seinem eigenen Ich, gepeinigt von der Erinnerung an seine Liebschaften sehnt er sich nach einer echten Liebesbeziehung mit Donna Anna - und schafft nicht, sie aufzubauen.
Reuben Willcox ist für dieses Rollenbild eine ideale Besetzung, kein stimmlicher Kraftprotz, sondern ein differenzierter, darstellerisch wie stimmlich gleichermaßen präzise und prägnant agierender Bariton mit einer sehr eleganten Höhenlage.
Mit filigraner Personenregie und vielen psychologischen Finessen führt Eggers die Handlung wieder auf ihren tödlichen Ausgangspunkt zurück. Nicht alles ist widerspruchsfrei und stringent, aber die Grundidee ist einleuchtend, die Umsetzung plausibel. Und, für Zuschauer mit gutem Gedächtnis: Die Inszenierung ist der ideale Kontrast zu der grell-faszinierenden, die komischen Seiten betonenden Giovanni-Zeltproduktion anno 1998.
Stephan Mannteuffels Konstruktion mit dem Skelett eines Holzhauses beim Richtfest reiht sich ein in die Fülle origineller, klischeefreier Bühnenbilder der Merziger Zeltoper. In diesem rohen und doch irgendwie schicken Ambiente finden Hochzeitsfeierlichkeiten und Morde statt, werden Köstlichkeiten serviert und Tote exhumiert. Ulli Kremers Kostüme sind zeitlos-elegant und leisten ihren Beitrag zur psychologischen Zeichnung der Figuren.
Herausragend: Hye-Soo Sonns Leporello, ein Diener ganz eigener Art, ein bisschen nach Computer-Nerd aussehend, so dass man fast erwartet, er werde seine berühmte Register-Arie vom Laptop singen. Ein prächtiger, saftiger, gewandter junger Bass mit enormem Potenzial, der sich die Rolle des Publikumslieblings mit dem kleinen Wirbelwind Scilla Cristiano teilt, die eine federnde, flotte Zerlina aufs Parkett legt. Larissa Krokhinas Donna Anna: Stimmschön und kultiviert, gerade bei leisen Tönen. Auch sonst kann sich die Merziger Besetzung (Susanne Geb, Philippe Talbot, Sebastian Kroggel, Michael Haag), von kleinen Einschränkungen abgesehen, sehen und hören lassen.
Dirigent Daniel Raiskin setzt mit dem soliden Minsk Orchestra auf die sichere Karte: ausgeglichene Tempi, wenig Dynamikschwankungen, klare Rhythmik. Das ist angesichts der schwierigen Produktionsbedingungen im Zelt fraglos vernünftig, liefert aber nicht gerade die atemberaubende Spannung und das ungewohnte Hörerlebnis manch anderer Giovanni-Produktion. Doch das tut dem gelungenen Abend keinen Abbruch.
Vorstellungen: 9., 10., 12., 13., 14. August. Karten: TV-Service-Center Trier, Wittlich, Bitburg, Infos: www.musik-theater.de
18 Opern-Produktionen gab es im Zelt seit 1994, zunächst in Mettlach, dann in Merzig. Viel Mozart, dazu Puccini, Verdi, Bizet und sogar Wagner war zu sehen. Weil Opern sehr aufwendig sind und öffentliche Zuschüsse gekürzt wurden, spielt der private Eigentümer des Zeltpalastes, Joachim Arnold, künftig Musicals. Wer sich an die eine oder andere Produktion erinnern will, hat eine gute Gelegenheit: Am 21. August (9 bis 16 Uhr) werden im Zeltpalast Kostüme und Requisiten aus den vergangenen zwei Jahrzehnten im Rahmen eines Flohmarktes verkauft. Auch das Holzhaus von Don Giovanni steht zum Verkauf: Seine Rohbau-Villa ist für 6000 Euro zu haben. Infos: 06861/99100. DiL