Finale im Liedermacher-Wettbewerb „Sing a Song“ der Dieter-Lintz-Stiftung

Liedermacher-Wettbewerb „Sing a Song“ : Janine Wagner überzeugt Jury – Mit leisen Liedern zum Sieg

Janine Wagner gewinnt den Liedermacher-Wettbewerb „Sing a Song“. Das Publikum hat jedoch eine andere Favoritin als die Jury.

Ein wenig erinnert es an den Eurovision Song Contest (ESC), wenn auch in viel intimerer Atmosphäre: Beim Finale des Liedermacher-Wettbewerbs „Sing a Song“ der Dieter-Lintz-Stiftung kämpfen sechs Solo-Künstler und Duos um die Gunst der Jury und des Publikums. Schauplatz ist der große Saal der Trierer Tufa, den Finalist Jonas Oktober alias Heiko Loch in seiner Wertigkeit „irgendwo zwischen Madison Square Garden und Royal Opera House“  ansiedelt.

Vom ESC in Tel Aviv ist vor allem der missglückte Auftritt von Pausenfüllerin Madonna in Erinnerung geblieben, die trotz technischer Unterstützung per Autotune kaum einen Ton traf. Solche Hilfsmittel braucht in der Tufa zum Glück niemand – weder das Moderatoren-Duo Hennich & Hanschel, das die Zeit bis zur Bekanntgabe der Gewinner überbrückt, noch die Interpreten, die diese ungeduldig herbeisehnen.

Auch wenn die Kür der Sieger nicht mit den berühmten „douze points“ erfolgt, so erinnert eines doch an den ESC: die Uneinigkeit zwischen Jury und Publikum. So wie bei der Fernsehshow die ­Zuschauerfavoriten aus Norwegen (291 Punkte) von der Jury mit nur 40 Punkten bedacht wurden, so ergeht es hier Coremy alias Franziska Gabriel. Die 19-jährige Triererin singt ein Loblied auf ihre Beinhaare, die zu einer Frau nun einmal gehören „wie Küche und Herd“, lästert über die Probleme ihrer Geschlechtsgenossinnen und wirft – „piep piep krrrk“ – gemeinsam mit dem Publikum den Kükenschredder an. Das ist witzig, bissig, feministisch, politisch, kritisch – und kommt doch ganz ohne erhobenen Zeigefinger aus. Für die erfrischend andere Darbietung gibt es aus dem Saal die meisten Stimmen und den Publikumspreis, undotiert zwar, aber mit der Möglichkeit eines Auftritts im Mergener Hof als Support bei einer noch zu bestimmenden Veranstaltung. Die Jury überzeugt Coremy jedoch nicht: kein Platz unter den ersten drei.

Nun lässt sich über Geschmack bekanntlich streiten, und vielleicht liegt Franziska Gabriel einfach mit ihrer Art von Humor nicht auf derselben Wellenlänge wie die Jury, bestehend aus dem Bühne1-Regisseur Michael Gubenko, dem Volksfreund-Redakteur Roland Morgen, der Sängerin Julia Reidenbach sowie Illustratorin und Musikerin Dorle Schausbreitner. Der Jury standen allerdings auch die gedruckten Texte aller Lieder zur Verfügung. Und manche davon erschließen sich nicht unbedingt beim ersten Hören, sind poetischer formuliert und bei Janine Wagner zudem auf Englisch. Und gerade das hat die Jury – neben dem Gesamteindruck, zu dem auch die musikalische Qualität und die Instrumentalbegleitung beitragen – offenbar eher angesprochen.  Und so sind auf den ersten beiden Plätzen zwei Interpreten gelandet, die so ziemlich das genaue Gegenteil von der frechen, extrovertierten Coremy darstellen: poetisch, ruhig, teils melancholisch, ohne Mitmach- oder Mitsingpotenzial.

Ganz oben auf dem Treppchen: Janine Wagner, die aus Hermeskeil stammt und inzwischen in Trier lebt. „I want you to go, and I wish you could stay“ (Ich möchte, dass du gehst, und ich wünsche, du könntest bleiben) heißt es zum Beispiel in einem ihrer Lieder, das von einer zerbrechenden Liebe handelt – etwas schwerere und schwermütigere Kost, die das Publikum eben nicht so unmittelbar anspricht.

Platz zwei geht an Jonas Oktober, der unter anderem in einem ganz neuen Lied von der Heimat singt, die er da findet, wo seine Familie und seine Freunde sind. Seine Texte sind ebenfalls eher poetisch. Den dritten Platz sichern sich Tanja Silcher (Gesang, Kontrabass und Gitarre) und Benedikt Schweigstill (Akkordeon), nicht nur mit ungewöhnlicher Instrumentierung, sondern auch mit Texten von politisch engagiert bis schwarzhumorig.

Coremy alias ­Franziska Gabriel hat beim Liedermacherwettbewerb „Sing a Song“ den Publikumspreis gewonnen. Foto: Daniel John
Jonas Oktober alias Heiko Loch belegt beim Liedermacherwettbewerb „Sing a Song“ den zweiten Platz“. Foto: Daniel John
Tanja Silcher mit Benedikt Schweigstill belegt beim Liedermacherwettwebewerb „Sing a Song“ den dritten Platz. Foto: Daniel John

Die drei Erstplatzierten erhalten Gutscheine im Wert von 800, 500 und 300 Euro für Musikalien, aber leer geht niemand aus: Für die restlichen Teilnehmer gibt es jeweils einen 100-Euro-Gutschein. Und für die Zuhörer war der Abend allemal ein Gewinn.

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