Flinke Hände, sprachlose Musik

MACHERN. Mosel Festwochen. Ein brillanter Pianist, begeisterte Besucher – was will man mehr? Die beiden Beethoven-Sonaten blieben bei Martin Stadtfelds virtuosem Gipfelsturm allerdings auf der Strecke.

Er ist ein Star, zumindest in der Region. Martin Stadtfeld (Foto: TV-Archiv) versteht es, die Besucher zu fesseln, ihre Begeisterung herauszufordern - und es ist wohl auch ein wenig Bewunderung im Spiel für einen Musiker, der in Koblenz aufgewachsen ist und sich in Deutschland binnen kurzem in die erste Reihe der Pianisten hineingespielt hat. Natürlich enttäuschte der 25-Jährige seine Bewunderer auch beim Konzert der Mosel Festwochen in Machern nicht. Die Läufe und Passagen in Beethovens Sonaten op. 53, "Waldstein-Sonate", und op. 57, "Appassionata", glänzen. Und bei der zweiten Klaviersonate von Sergej Rachmaninow entfaltet Stadtfeld eine hexenhafte Virtuosität, fährt mit einem Furor über die Tasten, der schwindlig macht. Trotzdem leuchtet der preisgekrönte Bach-Spieler auch die Polyphonie des Werks aus. Gleichwohl: Martin Stadtfeld setzte an diesem Abend zu einseitig auf Brillanz. Das mag bei Rachmaninow, in dessen Sonate der Ausdruck aus der pianistischen Energie resultiert, weniger deutlich werden. Bei Beethoven indes wurden die musikalischen Defizite schmerzlich spürbar. Die "Waldstein-Sonate": flott und glatt musiziert, die Introduktion zum zweiten (und letzten) Satz aber spannungslos. Wo blieb im Finale der wunderbar helle, apollinische Grundzug? Und die "Appassionata": Im Thema des Kopfsatzes keine Spur von Geheimnis, danach eine flache, undramatische Durchführung. Zum ausdruckslos und unruhig gespielten Mittelsatz hat Stadtfeld offenbar noch keinen künstlerischen Zugang. Und ganz allgemein fehlt, was Beethovens Musik groß macht: Die Spannungen, Lösungen und Aufgipfelungen, die kleinen, subtilen Details, die Wärme der Kantilenen, die Verbindung aus kristalliner Klarheit und anrührender Humanität. Bei Stadtfeld wird Beethoven zum einseitigen Klavier-Ereignis. Da gerät die Interpretation in einen Zustand virtuoser Sprachlosigkeit. Zwei Passagen in diesem Konzert freilich lassen aufhorchen. Im Finale der "Appassionata" entwickelt sich aus der fingertechnischen Brillanz eine virtuos-fließende Interpretation. Und im Mittelsatz der dreisätzigen Rachmaninow-Sonate fächert Stadtfeld Klang und Struktur wirkungsvoll auf, hebt Außen- und Innenstimmen feinfühlig voneinander ab, lässt die Musik atmen und fängt die lyrische Spannung dieser Musik im Übergang zum Finale wirkungsvoll ab. Ein Glanzstück pianistischer Klangregie. Vielleicht liegt das Potenzial dieses entwicklungsfähigen Musikers nicht so sehr bei den Elefantenstücken, sondern in solch leichthändiger, gedankenreicher Brillanz. Wo bleibt der Mozart-Interpret Stadtfeld?