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Forschung an uraltem Holzstück: Dom in Trier jünger als bislang gedacht

Dendrochronologie : Geschichte: Ein kleines Holzstück verjüngt den Trierer Dom

Forschern ist es gelungen, ein winziges Stück Holz aus dem ältesten Teil des Trierer Doms jahrgenau zu datieren. Es zeigt: Die älteste Bischofskirche nördlich der Alpen ist wohl nicht ganz so alt wie bislang gedacht.

Dass der Apostel Petrus Gesandte nach Trier schickte, um das älteste Bistum Deutschlands zu gründen, gehört ins Reich der Legenden. Dass die Heilige Helena, die Mutter Konstantins des Großen, ihre Wohnräume der jungen christlichen Gemeinde zur Verfügung stellte, ist zumindest nicht widerlegt. Bewiesen ist hingegen, dass der Kern des Trierer Doms im 4. Jahrhundert erbaut wurde, also in der Blütezeit der römischen Stadt Augusta Treverorum mit ihren rund 60 000 Einwohnern, in der auch die Kaiser residierten. Man kann den sogenannten Quadratbau heute gut an seinen roten Sandsteinen und den eingefügten Ziegellagen erkennen, denn er ist im Gegensatz zur antiken Zeit nicht verputzt. Haben die römischen Kaiser also hier Gottesdienste gefeiert?

Forschern ist es nun gelungen, ein kleines Stückchen Holz aus dem Quadratbau exakt zu datieren. Es sind die Bruchstücke eines Rüstholzes von rund fünf Zentimetern Durchmesser, das bis in die 1960er Jahre in 16 Metern Höhe in der östlichen Wand steckte. „Damals“, erinnert sich die gerade pensionierte Leiterin des dendrochronologischen Forschungslabors in Trier, Mechthild Neyses-Eiden, „bei der großen Domrenovierung, wurden 430 Hölzer, darunter auch kleinste Fragmente, aus dem Trierer Dom geborgen“. Nur die Hälfte hätten die Experten gleich untersucht, die anderen hingegen landeten im Depot. Erst vor wenigen Jahren gab es einen Anlass, sie wieder hervorzuholen.

Seit 2015 arbeiten Wissenschaftler der Technischen Universität München (historische Bauforschung) und der Universität Trier (Kunstgeschichte)  an einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt, das die hochkomplexe 1700-jährige Geschichte des Doms mit modernen Methoden klären soll. Dabei kamen High-Tech-Vermessungen wie ein 3D-Laserscan oder eine Kameradrohne zum Einsatz, erklärt Dominik Jelschewski vom Lehrstuhl für historische Bauforschung in München. Drei Jahre hat er vor Ort die Substanz des Trierer Doms erforscht und nach Quellen gesucht. „Ich habe das Dommuseum vom Keller bis zum Dach auf den Kopf gestellt“, erzählt er. Allein die Drohne lieferte 5000 Bilder, die dann zu einer hochauflösenden Punktwolke des Doms verrechnet wurden. Zudem sollte in dem Projekt „eine Revision aller dendrochronologischen Daten“ erfolgen, erläutert Andreas Rzepecki, neuer Leiter des Trierer dendrochronologischen Labors. Das bedeutet, dass alle Erkenntnisse einfließen sollten, die man aus den gefundenen Hölzern ziehen kann. So stiegen die Experten 2019 noch einmal ins Depot, um nach bisher nicht untersuchten Holzproben zu suchen. Das führte zum Volltreffer.

„Wir können eine Probe jahrgenau datieren“, freut sich Rzepecki. „Das Holz stammt aus dem Jahr 390.“ Es sei sogar von dem Pionier der Holzdatierung, Ernst Hollstein, schon einmal vermessen worden, weiß Neyses-Eiden, aber die wissenschaftlichen Möglichkeiten reichten in den 1970er Jahren noch nicht aus für eine Altersbestimmung.

390 n.Chr.– was bedeutet das? Wenn die Wand, aus der das datierte Holzstückchen stammt und auf der dann noch die Decke eingezogen werden musste, noch nicht fertiggestellt war, könnte das heißen, dass die Mitglieder des kaiserlichen Hofs den Quadratbau nicht mehr genutzt haben? Dass das kaiserliche Projekt erst fertig wurde, als der Kaiser schon nicht mehr in Trier war? Schließlich stand zu diesem Zeitpunkt der Untergang der Kaiserresidenz unmittelbar bevor. Um 395 verlegte Kaiser Theodosius seinen Sitz von Trier nach Mailand. Rund zehn Jahre später zog auch die Präfektur von der Mosel ab nach Arles.

„Die Kirchenanlage wurde nachweislich genutzt“, versichert Professor Winfried Weber, früherer Bistumsarchäologe und Direktor des Bischöflichen Dom- und Diözesanmuseums. Die jüngste Datierung sei „ein schöner Befund“, aber „keine Sensation. Sie bestätigt unsere Vermutungen“, so Weber. „Die Datierung hat mich überhaupt nicht überrascht“, sagt der Archäologe, der einen Aufsatz zum Thema geschrieben hat. Die Publikation soll Ende des Jahres erscheinen.

Auch Jelschewski ist nicht überrascht, spricht von einer Verfeinerung des Wissens. Das Ergebnis schiebe die angenommene Vollendung des Quadratbaus „noch ein paar Jahre nach hinten“. In der einschlägigen Regionalliteratur zum Thema steht hingegen häufig, dass der Quadratbau bereits 380 n.Chr. fertiggestellt war. Laut Jelschewski bauten die Römer mit Unterbrechungen etwa zwischen 350 und 395 n.Chr. am Quadratbau, der auf zwei Vorgängergebäuden stehe.

 Blick in den Ostchor: Auf dieser historischen Aufnahme aus dem Trierer Dom im Jahr 1886 ist die Fundstelle des Rüstholzes in 16 Metern Höhe markiert, das jetzt exakt datiert werden konnte.
Blick in den Ostchor: Auf dieser historischen Aufnahme aus dem Trierer Dom im Jahr 1886 ist die Fundstelle des Rüstholzes in 16 Metern Höhe markiert, das jetzt exakt datiert werden konnte. Foto: Museum am Dom Trier

Rund 50 Jahre lang blieb der antike Quadratbau, der innen mit kostbarem Marmor verkleidet war und eine Deckenmalerei erhielt, intakt, wie Professor Weber erläutert. Auch als Germanenstämme in Trier einfielen, hätten die doch den Großbauten zunächst wenig anhaben können. Nach dem Abzug des kaiserlichen Hofes sei immer noch eine genügend potente Schicht in der Stadt geblieben, die in der Lage gewesen sei, die Kirchenanlage – „eine bautechnische Meisterleistung“ – fertigzustellen. Auch wurden bis Mitte des fünften Jahrhunderts Münzen geprägt. Letztendlich seien mit dem Abzug der Römer und dem Untergang ihres Weltreiches in Trier eben nicht die Lichter ausgegangen. Eine neue Epoche, die der christlichen Herrscher, habe begonnen.