Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig in Trier

Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig in Trier

Frank-Markus Barwasser ist das personifizierte schlechte Gewissen der Nation. Und einer ihrer besten Kabarettisten. Am Sonntagabend war er zum ersten Mal in Trier.

Trier. Wie es derzeit um die deutsche Politik bestellt ist, lässt sich am Zustand des Kabaretts ablesen: Dem geht es fabelhaft. Was für die Politik nichts Gutes bedeutet. Den Beweis hierfür erbringt Frank-Markus Barwasser - besser bekannt unter seinem Bühnennamen Erwin Pelzig - am Sonntagabend in der Europahalle: Zwei Stunden und vierundzwanzig Minuten lang steht der drollige Franke mit Cordhütli und Trachtenjacke auf der Bühne, tut sich schwer mit harten Konsonanten (den Namen des Philosophen Karl Popper spricht er "Gahl Bobbah" aus, Trier wird zu "Driaah") und deckt mit einer Mischung aus Witz und Empörung Missstände und Widersprüche auf - in der Politik wie im banalen Alltag.Der Widersprücheklopfer


Zum Beispiel, wenn einer für 19,90 Euro nach Barcelona fliegt, sich aber gleichzeitig für Mindestlöhne ausspricht. Oder wenn die Bundesrepublik versucht, den Frieden auf der Welt zu fördern, aber gleichzeitig mit Rüstungsexporten ein Milliardengeschäft betreibt. Psychologen nennen das eine kognitive Dissonanz: Da hat einer gleichzeitig zwei einander ausschließende Auffassungen. Typischerweise wird versucht, solche Widersprüche schönzureden - irgendwie. "Sein ganzes Leben kann man sich schönreden", bemerkt Barwasser süffisant. "Darüber würde ich gerne mal mit Boris Becker sprechen."
Gleichermaßen zum Vergnügen wie zum Entsetzen des Publikums präsentiert er einen Reigen der Skandale und Seltsamkeiten - mal gehässig, mal fassungslos, immer pointiert. Ein paar Kostproben: Die große Koalition sei unausweichlich gewesen, denn: "Der CDU fehlen fünf Sitze, der SPD fehlt der Verstand." Und überhaupt, die Sozialdemokraten: Die seien wie ein frierendes Zirkuslama in der Fußgängerzone, das "vom Mitleid ernährt" werde. Sein Urteil über die FDP fällt harscher aus: "Was dem Beinamputierten der Phantomschmerz, das ist der FDP der Wunsch nach Charakter." Und ganz nebenbei liefert er die kürzeste und präziseste Beschreibung der CSU: "Wäre die CSU ein Kind, man würde es mit Ritalin vollpumpen." Kabarett ist nichts für Sowohl-als-auch-Formulierungen. Und: Kabarett tut weh.
Auch dem Kabarettisten selbst: Die Verzweiflung, erklärt er, sei sein ständiger Begleiter. Sein Gegenrezept lautet Galgenhumor: "Warum sich heute schon aufhängen, wenn es dafür nächstes Jahr viel bessere Gründe gibt?"
Barwassers Tiraden und scharfsinnige Kommentare werden immer wieder von stürmischem Applaus unterbrochen. Am Ende gibt es Standing Ovations der 800 Zuschauer. "Och", sagt der kleine Mann gerührt, "ich dät glatt wiedakomme."