Konzert: Frau Musica, die große Trösterin

Konzert : Frau Musica, die große Trösterin

Zum dritten Mal an der Porta, zum letzten Mal mit Victor Puhl: das Picknickkonzert.

Eine bedrückende Stille lastet in den Straßen der Innenstadt auf dem Weg zur Porta. Die 0:1-Niederlagen-Depression (gegen Mexiko! Ausgerechnet!!) ist förmlich mit Händen zu greifen. Deutschland ist in Schockstarre, Trier verstummt.

Aber nur bis 20 Uhr. Da wird der Tristesse der Kampf angesagt. Zuerst baut OB Wolfram Leibe das Publikum auf: Ein verlorenes Vorrundenspiel bedeute keinesfalls, dass wir nicht wieder Weltmeister werden, verkündet er siegessicher vor der Porta. Victor Puhl ist zur moralischen Erbauung sogar in Fußballschuhen zur Arbeit erschienen. Damit tänzelt und hüpft er so geschmeidig auf dem Podium herum, dass Jogi Löw ihn wegen dieser fulminanten Beinarbeit wohl sofort in seine Mannschaft genommen hätte. Doch zuvor muss er noch ein paar Sachen dirigieren.

Und er beginnt – kann man nach drei Auflagen schon von „traditionsgemäß“ reden? – mit der Ode an die Freude, bei der alle mitsingen können. In der Aufwärmphase freilich überlassen die Zuschauer das erst mal lieber dem Jugendchor des Theaters Trier, der flashmobartig zwischen den Dichtgedrängten (ca. 2500 Schau- und Hörlustige sind zusammengekommen) aufspringt und von Martin Folz durch die Europahymne geleitet wird. Und dann beginnt der Mix aus Klassik, Pop und Filmmusik, der sich bisher bewährt hat und auch an diesem Abend wieder seine Wirkung erweist. Ein bisschen Mozart, ein bisschen von Puccini ist zu hören, dazu sorgen Léo Delibes, Jules Massenet und Rimski-Korssakow für den seriösen Teil des Abends. Bonko Karadjov glänzt und glitzert mit Don Giovannis „Champagnerarie“, Eva Maria Amman ist eine berührend-berückende Liu („Turandot“), Svetislav Stojanovic schmelzt sich durch Cavaradossis „E luceven le stelle“ („Tosca“). Nur Frauke Burg gerät mit der koloraturenvertrackten „Glockenarie“ aus Léo Delibes „Lakmé“ hörbar an ihre stimmlichen Grenzen (wie übrigens auch manchmal an ihre elektronischen die Technik, die ein Knattern und Rauschen in den Lautsprechern nicht immer in den Griff kriegt).

Und dann: Auftritt Fritz Spengler. Der Countertenor brilliert mit einer Operettenarie des hierzulande weitgehend unbekannten Victor Herbert, in Dublin geboren, in Stuttgart ausgebildet und in den USA einer der erfolgreichsten frühen Broadwaykomponisten. „Art is calling for me“, die Kunst ruft nach mir: Am Ende dieser selbstironischen Arie aus der 1911 uraufgeführten „Comic opera“ namens „The Enchantress“ („Die Zauberin“ bzw. „Bezaubernde Frau“), die das deutsche Rampenlicht bisher noch nicht gesehen hat, bricht zum ersten Mal ein wahrer Begeisterungssturm los. Glücklich das Haus und die Zuschauer, die diesen Sänger demnächst für sich reklamieren dürfen. Denn Spengler verlässt wie auch die übrigen Solisten das Theater zum Ende der Spielzeit. Dafür haben sie sich eigens einen Abschiedssong auf den Leib schneidern lassen: Zur Melodie von „New York, New York“ singen sie, ein bisschen auf stolperndem Versfuß „Die Mosel entlang / Am sonnigen Hang / Kam ich vor drei Jahren hierher / Ins schöne Trier …“ Und vielleicht als Wink mit dem Zaunpfahl in Richtung des neuen Intendanten, der auch im Publikum gesichtet wurde, heißt es weiter unten „Vielleicht dauert’s nicht mehr Langner / Bis wir wiederkehren …“

Zusammengehalten wird der Abend moderationsmäßig von einer glänzend aufgelegten Barbara Ullmann, die in spitzen- und pointenreichen Bemerkungen von Sex vor der Ehe und Liebe, die zum Töten reizt (also das klassische Opernzeugs) über selbstgeträllerte Werbejingles, die das Publikum erraten soll (und es zum größten Teil auch schafft – die Trierer, ein Volk von Vorabendserienguckern?) bis hin zum grammatikalisch fragwürdigen Titel der Veranstaltung „Klassik ante Porta“ (Altphilologen wenden sich mit Grausen ob des falschen Kasus) sämtliche relevanten Probleme abhakt, die die Menschheit bewegen.

Gar nicht wehmütig gab sich der musikalische Dompteur des Abends: Victor Puhls letzter Dirigierstreich (abgesehen von einigen „Zauberflöten“-Vorstellungen im Großen Haus) war ein gutgelaunter und quasi champagnersprühender Abschied, der den Generalmusikdirektor at his und das Orchester at its best zeigt. Und es war gewiss nicht das letzte Mal, dass man ihn in Trier am Pult sehen wird, wie er versprach.

Viele T waren am Erfolg beteiligt; neben dem Theater Trier auch die Trier Tourismus und Marketing-GmbH, die für einen reibungslosen Ablauf und ausreichend Weinnachschub sorgte, so dass gegen 22 Uhr – die Porta erstrahlt inzwischen in Karl- Marx’schem Rot – die Begeisterung grenzenlos und die Schmach von Moskau längst im Dunkel der Historie versunken ist.

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