1. Region
  2. Kultur

Freie Künstler Corona Schauspieler persönlich

Künstler : Wie sich Künstler über Wasser halten

Wer als freier Künstler von immer wieder neuen Aufträgen leben muss, ist von der Corona-Lage besonders hart getroffen. Veranstaltungen fallen aus, Projekte werden verschoben, es gibt kaum neue Engagements. Wir haben vier KünstlerInnen – zwei Paare – aus der freien Szene nach ihrer ganz persönlichen Situation befragt.

Seit Ausbruch der Pandemie wurde der Kulturbetrieb zum Schutz der Bevölkerung immer mehr he-
runtergefahren. Wer freiberuflich in Schauspiel, Musik und Regie tätig ist, musste in den vergangenen beiden Jahren sehr kreativ sein, um über die Runden zu kommen. Wir haben vier Menschen gefragt, wie sie das schaffen.

Wenn, wie bei Tim Olrik Stöneberg (48) und Nadine Stöneberg (39), beide Ehepartner in einer Branche arbeiten, in der es gerade sehr schlecht aussieht, ist die Frage berechtigt: „Kann man davon leben?“ Man kann, versichert Tim Olrik Stöneberg, der seit Jahren als freischaffender Theater-, Film- und Fernsehschauspieler tätig ist. „Wir mussten uns finanziell schon sehr einschränken“, gibt seine Frau Nadine zu. Die Musical-Darstellerin und Schauspielerin teilt sich zurzeit mit Bianca Spiegel im Schauspiel „Buntes Republik“ am Theater Trier die Rolle der Brigitte.

Doch egal, in welchem Theater man gerade engagiert sei: Durch Krankheitsfälle in Ensembles, durch Programmänderungen oder komplette Streichungen  wegen neuer Corona-Verordnungen waren die vergangnen beiden Jahre unkalkulierbar und finanziell eine Katastrophe. „Es kommt momentan auch nicht viel Neues, wo man vorsprechen oder -singen kann – derzeit werden fast nur verschobene Projekte nachgeholt“, sagt Nadine. Trotzdem gehe es ihnen noch gut.

„Wir hatten das große Glück, dass ich einige Filmdrehs hatte“, sagt Tim Olrik Stöneberg. „Andere Solo-Künstler hatten dieses Glück nicht. Wir kennen Leute aus der Branche, die mittlerweile den Beruf gewechselt haben. Die fühlen sich von der Regierung im Stich gelassen.“ Er wünscht sich, „dass alles wieder normal wird und man keine Angst mehr haben muss, an Corona zu erkranken und dann nicht arbeiten zu können – oder gar da-
ran zu sterben.“

 

Auch bei Judith Kriebel-Reidenbach (42) und Julia Reidenbach   (39) sind beide Partner in derselben Branche tätig. Julia Reidenbach ist Musikerin, Sängerin, Komponistin und hat sich nicht zuletzt in Trier mit ihrem „Chor über Brücken“ einen Namen gemacht. Ihre Frau Judith Kriebel ist Regisseurin und Schauspielerin. Während der Corona-Zeit konnte sie einige Projekte verwirklichen, ihre aktuelle Inszenierung des Bürgertheaterstücks „Die Übersterblichen“ hat einen aktuellen Bezug zur derzeitigen Lage. Außerdem arbeitet sie mit einer halben Stelle als Kulturberaterin. Das gab den beiden und ihren zwei Kindern zusätzliche Sicherheit. Nach eigenen Angaben müssen sie sich trotzdem immer wieder sehr anstrengen, um kreative Höchstleistungen zu vollbringen.

Ihr Schlüssel zum Überleben lautet: breit aufgestellt zu sein und mehrere Standbeine zu haben. Judith sieht die Pandemie sogar als Chance und ist optimistisch: „Wir können uns gut neu erfinden und sind kreativ genug, neue Wege zu beschreiten.“ Julia ist ist nicht ganz so positiv: „Dass man ganz viel Ideen hat und dann doch vieles davon für die Tonne ist, frustriert.“

Trotzdem sind in den vergangenen beiden  Jahren viele neue Projekte entstanden und nicht „in der Tonne“ gelandet. Unter anderem „Julias Plauschsofa“ – eine Kinder-Talkshow, die in der Tufa aufgezeichnet online abrufbar war, und auch die CD „Aufgedreht – Musik für junge Ohren“ ist ein Erzeugnis aus der Corona-Zeit.

Gerade Kinder und Jugendliche, die unter der Pandemie schwer zu leiden haben, liegen dem Paar am Herzen, das wird beim Gespräch ganz deutlich. „Es wird unterschätzt, welchen Einfluss Corona auf Jugendliche und Kinder hat und wie gut es tut, gemeinsam zu musizieren, zu singen und zu lachen“, sagt Julia.

 Immer kreativ und umtriebig:
Immer kreativ und umtriebig: Foto: Pütz Karin

Das Statement der beiden ist deutlich: „Kultur ist systemrelevant!“ Sie möchten zuversichtlich in die Zukunft schauen:  „Wir wünschen uns, dass wir alle noch mal die Leichtigkeit im Umgang miteinander finden und wir dabei vor allem die Kinder und Jugendlichen im Auge behalten.“