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Freie Künstler klagen: Land lässt uns im Stich

Kostenpflichtiger Inhalt: Kultur : Freie Künstler aus Trier klagen: Land lässt uns in Corona-Krise im Stich

Schauspieler und Musiker aus Trier kritisieren, von Soforthilfen in der Krise nichts zu haben. Eine Antwort aus Mainz macht sie noch wütender.

Freie Musiker, Künstler, Fotografen, Schauspieler und Gästeführer aus Trier fühlen sich von der rheinland-pfälzischen Landesregierung in der Corona-Krise mächtig im Stich gelassen. Soforthilfen, die Selbstständigen eigentlich helfen sollen, um ihre Existenz zu sichern, gehen völlig an der Lebenswelt freier Kunstschaffender vorbei, klagen Kreative gegenüber Ministerpräsidentin Malu Dreyer und Wissenschaftsminister Konrad Wolf (beide SPD) in einem offenen Brief, der 37 Unterzeichner hat. „Es wird lediglich Hilfe gewährt bei durch die Corona-Maßnahmen verursachten Liquiditätsengpässen von Soloselbstständigen und Kleinunternehmen. Einnahmeausfälle aufgrund ausgefallener oder abgesagter Veranstaltungen und Aufträge werden dagegen nicht als Fördergrund akzeptiert“, kritisieren die Künstler und schreiben weiter: „Auch betrieblich relevante Lebenshaltungskosten – wenn etwa die eigene Wohnung auch als Arbeitsraum fungieren muss – werden aus der Förderung ausgeschlossen.“ Der traurige Schluss der Trierer, die ihren Schaden auf bis zu 75 Prozent des jährlichen Einkommens beziffern: Kulturschaffenden bleibe so nur, Arbeitslosengeld II zu beantragen.

Was kann Rheinland-Pfalz besser machen? Die Unterzeichner nennen andere Bundesländer als Vorbilder. Wo freischaffende Künstler in finanzielle Nöte geraten, weil ihnen Engagements wegen der Corona-Krise abgesagt werden, zahle Nordrhein-Westfalen eine existenzsichernde Einmalzahlung in Höhe von bis zu 2000 Euro. In Thüringen betrage der Zuschuss 5000 Euro. „Eine vergleichbare Option – ohne Rückzahlungspflicht – benötigen wir auch in Rheinland-Pfalz“, fordern die Trierer und appellieren ans Land, Vorgaben zu lockern.

Initiator des Briefs ist Henning Walker, der als Gäste- und Erlebnisführer in Trier arbeitet und Musiker der Band „Hennich & Hanschel“ ist. „Wir sind enttäuscht“, sagt er. „Da die Soforthilfen des Bundes ausschließlich für betriebliche Ausgaben verwendet werden können, geht diese Förderung an den meisten Kulturschaffenden vorbei, die kein Büro angemietet oder kein Auto geleast haben. Honorar- und Auftragsausfälle von Kulturschaffenden werden überhaupt nicht berücksichtigt.“ Unter einem Corona-Grundeinkommen verstehe er nicht, Arbeitslosengeld II zu beantragen, das oft mit Ansehensverlust verbunden sei. Kulturschaffenden mit einem niedrigen Nebenverdienst oder Studenten stehe dies ohnehin nicht zur Verfügung.

Auch die Trierer Fotografin Simone Busch wirft dem Land vor, die Kunst- und Kulturszene alleine zu lassen. Sie hat unter dem Hashtag #aktion0 auf Facebook aufgefordert, eine Null auf ein Blatt zu malen, eine Schutzmaske aufzuziehen und sich selbst abzulichten, um zu verdeutlichen: „Wir bekommen in der Krise keinen einzigen Euro.“ Auch Busch sagt, ihr fielen viele Aufträge weg – wie Foto-Workshops in Jugendzentren. Wann sie wieder arbeiten darf? Die Triererin, seit neun Jahren selbstständig, weiß es nicht. „Am Ende bliebe mir nur der Weg zum Amt. Dabei war ich immer meine eigene Chefin und fleißig. Das Land hat seine Versprechungen nicht gehalten, uns zu helfen“, sagt sie.

Das rheinland-pfälzische Wissenschaftsministerium verneint hingegen auf Volksfreund-Anfrage, die freie Kulturszene zu vernachlässigen. Eine Sprecherin teilt mit: Das Land biete „finanzielle Unterstützung für betriebliche Ausgaben, wie Proberäume, Ateliers und Werkstätten oder Büros.“ Um Lebensunterhaltungskosten zu sichern, erhielten Kulturschaffende „einen vereinfachten, unbürokratischen Zugang zur Grundsicherung, wenn sie Ansprüche geltend machen, die zwischen dem 1. März und dem 30. Juni dieses Jahres beginnen.“ Der Leistungsumfang gehe über die normale Grundsicherung weit hinaus und sehe vor, dass die Ausgaben für Miete in ihrer tatsächlichen Höhe anerkannt würden und Kosten für Sozialversicherung übernommen würden. „Bei Veranstaltungen, die corona-bedingt ausfallen mussten, soll eine Rückforderung nicht stattfinden, wenn bereits Ausgaben getätigt wurden oder Ausgaben nicht mehr abwendbar sind“, heißt es vom Land weiter. Die Antwort aus Mainz entfacht in Trier neuen Ärger. Die Landesregierung gehe auf keinen der an sie gerichteten Appelle ein, kritisiert Henning Walker, der dem Land vorwirft, freischaffende Künstler zu ignorieren.

Marion Schneid, kulturpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion im Mainzer Landtag, fordert vom Land eine „unbürokratische Soforthilfe, die sich nicht an Betriebskosten orientiert.“ Es brauche ein Konzept, „damit freischaffende Künstler über die Runden kommen. Ansonsten drohen gerade im ländlichen Bereich viele kreative Berufe wegzubrechen“, warnt Schneid.