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Fridomania in Berlin, Anarchie in Oberammergau und Freddy Krueger auf der Kirmes

Fridomania in Berlin, Anarchie in Oberammergau und Freddy Krueger auf der Kirmes

Mancher Berliner fühlt sich schon an die legendäre "Moma"-Ausstellung erinnert, wenn er die langen Schlangen sieht, die sich dieser Tage vor dem Gropius-Bau bilden. Mehrere Tausend Besucher täglich wollen die Frida-Kahlo-Werkschau sehen, die bis zum 9. August läuft.150 Werke der mexikanischen Kultmalerin, dazu Fotos und Dokumente: Da ist den Machern ein großer Wurf gelungen.

"Frida takes Berlin", schwärmt das Time Magazine. Die mexikanische Presse diagnostiziert "Fridomania". 100 000 ließen sich in den ersten 20 Tagen anstecken.

So imposant diese Zahl sein mag: In Oberammergau denkt man in größeren Dimensionen. Eine halbe Million Karten für die Passionsspiele waren schon weitgehend verkauft, als am Wochenende die sechsstündige Premiere stieg. Und die ließ mit revolutionären Neuerungen aufhorchen: nicht nur, dass ein kritischer Jesus "altes Denken" geißelt und die "amtliche" Priesterschaft provoziert. Das letzte Wort als Verkünderin der frohen Botschaft hat - dem Papst sei's geklagt - eine Frau, und zwar ausgerechnet die Sünderin Maria Magdalena. Zur Strafe sandte der Himmel Regen und Frost, was aber der Begeisterung der Zuschauer keinen Abbruch tat.

Ganz andere Begeisterung bei einem ganz anderen Publikum sollte das Remake eines Meilensteins der Filmgeschichte erzeugen: Gestern startete hierzulande die 2010-Version von "Nightmare on Elm Street". Der neue Freddy Krueger meuchelt zwar unter der Regie des Videoclip-Spezialisten Samuel Bayer wie gewohnt mit stählerner Hand kindliche Opfer im Schlaf, aber die Kritik meuchelte ihrerseits kurzerhand den ganzen Film. Kunstgewerblicher Schleiflack sei das, mit eklatanten Drehbuchschwächen, lautete das einhellige Urteil. Den finalen Hieb versetzte der Spiegel: Der Streifen sei "langweiliger als die Geisterbahn einer Dorfkirmes".

Letzteres hat von den Produktionen des Regisseurs Christoph Schlingensief noch niemand behauptet. Freilich hat der vom Enfant terrible zur Feuilleton-Ikone mutierte Multikünstler zuletzt weniger als Theatermagier denn als Kulturentwicklungshelfer in Burkina Faso auf sich aufmerksam gemacht. Nun, da sein Opern-Dorf steht, verarbeitet er seine Afrika-Erfahrungen in Brüssels "Schouwburg". Luigi Nonos Oper "Intolleranza" nutzt er als Folie für seine bekannte Mischung aus Musik, Tanz, Spiel und Thesenvortrag - und bastelt nebenher an seinem Ruhm für die Nachwelt.

Letzterer steht bisweilen in einem merkwürdigen Verhältnis zum realen Leben eines Künstlers. Zum Beispiel bei Sandro Botticelli: Als der Maler am 17. Mai 1510 starb, war er ein armer Mann. 500 Jahre später werden seine Bilder auf bis zu 55 Millionen Euro versichert - pro Stück.

Dieter Lintz

Unsere neue Rubrik "Unterm Strich" wirft künftig jeden Freitag einen launigen Blick auf aktuelle Ereignisse der deutschen und internationalen Kulturwelt.