Fritz und François

Zum 300. Geburtstag Friedrichs des Großen sind in diesem Jahr ganze Regalmeter von dicken Büchern erschienen. Hans Joachim Schädlich allerdings macht in seiner Novelle „Sire, ich eile“ nicht viele Worte – vor allem keine überflüssigen.

Da kommt ein Großer auf uns zu, und zwar im Oktober: Nein, nicht Friedrich Zwo, sondern Hans Joachim Schädlich, der zu den bedeutendsten Gegenwartsautoren im Land zählt - und der nahezu punktgenau zum 300. Geburtstag des Preußenkönigs (12. Januar) ein quer durch die Feuilletons gerühmtes, erfreulich schlankes Buch vorgelegt hat. Ein Buch, das uns auf knappstem Raum eine spannende Geschichte erzählt: "Sire, ich eile", Schädlichs Novelle über den König und den französischen Dichter Voltaire.

Zwei Männer, denen man eine Freundschaft nachsagt, dabei war es ein auf klaren Profit-Absichten beruhendes Geschäftsverhältnis: Der Mächtige suchte sich im pilosophischen Glanz des Denkers zu sonnen, der freigeistige Autor erhoffte sich Einfluss auf einen künftigen König, der so ganz anders zu werden versprach als die anderen Regenten. Tatsächlich währte ihre Beziehung mehr als vier Jahrzehnte lang, wenn es auch zwischendrin zum großen Zerwürfnis kam (das den Kern des Schädlich-Buchs darstellt).

"Monsieur, wenngleich ich nicht die Genugtuung habe, Sie persönlich zu kennen, so sind Sie mir doch durch Ihre Werke sehr wohl bekannt. Es sind, wenn ich mich so ausdrücken darf, Schätze des Esprits und Werke, die mit soviel Geschmack, Delikatesse und Kunst gearbeitet sind, daß ihre Schönheiten bei jedem Wiederlesen ganz neu erscheinen. Ich vermeinte, darin den Charakter ihres ingeniösen Schöpfers wiederzuerkennen, der unserem Jahrhundert und dem menschlichen Geist überhaupt zur Ehre gereicht."

Gefeiert und verfolgt

Wenn sich jemand in dieser Weise schriftlich an uns ranmachte, wir würden uns vermutlich fragen: "Was will der Kerl?" Dieser Kerl allerdings war der 24-jährige Kronprinz Friedrich von Preußen. Beim Adressaten handelte es sich um den 18 Jahre älteren Voltaire (François Marie Arouet), der zu diesem Zeitpunkt mit seiner großen Liebe, Emilie du Châtelet, im Exil auf Schloss Cirey in Lothringen lebte - gefeiert und verfolgt zugleich. Schon dreimal hatten sie ihn in die Bastille geworfen.

Der Dichter lässt sich die Schmeicheleien gefallen (während Emilie sich besorgt fragt, was denn der Kronprinz wohl damit meinen mag, Voltaire "besitzen" zu wollen) - und retourniert im gleichen Ton: Er fühle sich, antwortet Voltaire, beglückt über diesen Prinzen, "der als Mensch denkt, einen Fürsten- Philosophen, der die Menschen beglücken wird".

Da lag Voltaire dann doch schwer daneben, wie Friedrichs Jahre als Herrscher zeigen würden. Trotzdem: Sie schrieben einander immer wieder, 42 Jahre lang, ihre Korrespondenz, die erst mit Voltaires Tod 1778 endete, wurde zu einem der berühmtesten Briefwechsel der Weltgeschichte.

Mittendrin, in den Jahren 1750 und 1753, liegt die Episode, die Hans Joachim Schädlich in seinem neuen Buch erzählt - über die Zeit, die Voltaire am preußischen Hof verbrachte und an deren Ende Zwist und Erniedrigung für den Schriftsteller standen.

"Sire, ich eile" - ein Kunststückchen, in dem Schädlich mit ökonomischsten Mitteln größtmögliche Wirkung erzielt. Das hat der Autor auch in seinem vorigen, sehr lesenswerten und bewegenden Buch getan, das seit Februar als rororo-Taschenbuch vorliegt: "Kokoschkins Reise" - einem Roman, der uns einen wahren Jahrhundertmann präsentiert (8,99 Euro; ISBN 978-3- 499-25796-4).

Fjodor Kokoschkin, 1910 in St. Petersburg geboren und nach der Ermordung des Vaters während der russischen Revolution zur Flucht durch halb Europa und schließlich nach Übersee gezwungen, macht sich im Jahr 2005 noch einmal auf den Weg zu einem letzten Besuch an den Stationen seines früheren Lebens. Dabei erzählt uns Schädlich am Beispiel eines Menschen auf gerade einmal 180 Seiten die Geschichte eines ganzen Katastrophenjahrhunderts.

Das klingt nach niederschmetterndem Emigrantenschicksal, nach trockener historischer Lehrstunde, aber keine Angst: Es ist ein wunderbarer Roman, was auch an Schädlichs Hauptfigur liegt, die er mit einer dem Schicksal trotzenden, in sich ruhenden Lässigkeit versehen hat, die uns sofort für Kokoschkin einnimmt.

Zurück zum Alten Fritz: Wer "Sire" gelesen hat, will vielleicht mehr über den immer noch schillernden König wissen, und dazu bietet das 300. Geburtstagsjahr ein ganzes Buchregal voller Möglichkeiten. Eine kleine Auswahl:

Soeben als Neuauflage bei dtv als Taschenbuch erschienen ist der Briefwechsel zwischen Voltaire und Friedrich, auf den sich auch Schädlich immer wieder bezieht - klug und kenntnisreich ediert und kommentiert von Hans Pleschinski (650 Seiten, 14,90 Euro, ISBN 978-3-423- 13896-3).

Pleschinski begegnet uns auch in einem weiteren neuen Buch, das uns zugleich ins vorletzte Jahrhundert zurückführt und den Blick öffnet für das, was um Preußen und Friedrich herum noch alles in Europa los war: Denn er trägt einen aufschlussreichen Essay bei zu "Das Zeitalter Friedrichs des Großen", den von Hans Ziegler feinfühlig auf Lesbarkeit hin bearbeiteten und herausgegebenen Notizen von Jacob Burckhardt für eine Vortragsreihe, die der berühmte Schweizer Kulturhistoriker im Winter 1852/1853 in Basel gehalten hat (C.H. Beck, 250 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3-406-63178-8).

Kernsatz: "Es geht durch diese ganze Existenz Friedrichs ein Hauch von Kälte." Und durch dieses Buch geht der Hauch großer Gelehrtheit, die vor scharfen Urteilen nicht zurückschreckt. "Laß die Neider und Unwissenden reden; nicht sie dienen meinen Plänen als Kompaß, sondern der Ruhm leitet mich" - Friedrich, der Gernegroße: Dass der alte, kalte Fritz von seinen Jugendjahren an unbedingt nach Ruhm strebte, dass er diesem Ziel alles andere unterordnete, das belegt Jürgen Luh in seinem Buch "Der Große - Friedrich II. von Preußen" (Siedler, 288 Seiten, 19,99 Euro, ISBN: 978-3-88680-984-4).

Am Ende sind wir Friedrich sehr nahe gekommen - sympathischer wird er uns allerdings dadurch nicht. Schlüssig, spannend und lehrreich, wenn auch mit gelegentlich zu großem Hang zum Ausrufezeichen. Wäre gar nicht nötig gewesen: Luh hat schlagende Argumente für seinen Ansatz. Noch Fragen offen? Dann noch eine Empfehlung zum Schluss: Den "ganzen" Fritz, die umfassende Biografie, hat Johannes Kunisch vorgelegt: "Friedrich der Große. Der König und seine Zeit" ist zwar nicht mehr ganz neu, bietet aber nahezu alles, was man über den Alten Fritz wissen kann. Und liefert darin auch ein Bild der vom bitteren Verhältnis zum Vater, dem Soldatenkönig, geprägten und getrübten Jugendjahre Friedrichs - wahrscheinlich der Schlüssel zu allem, was den späteren König antrieb (gebundene Ausgabe bei C.H. Beck, 624 Seiten mit Abbildungen, 29,90 Euro, ISBN978-3- 406-52209-3; Taschenbuch bei dtv, 16,90 Euro, ISBN 978-3-423- 34525-5).