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Für die Annahme des höchsten iranischen Literaturpreises erntet der Trierer Wissenschaftler Andreas Lammer viel Kritik.

Kontroverse : Den Dialog offenhalten

Für den höchsten iranischen Literaturpreis erfährt der Trierer Wissenschaftler Andreas Lammer viel Kritik.

Der Menschenrechtsanwalt Amirsalar Davoudi wurde in Iran zu 29 Jahren und drei Monaten Haft sowie zu 111 Stockhieben verurteilt. Die Menschenrechtsaktivistin Atena Daemi forderte die Abschaffung der Todesstrafe und wurde zu sieben Jahren Haft verurteilt. Dem Kurden Houshmand Alipour droht nach einem unfairen Verfahren die Hinrichtung. Das sind nur die jüngsten Meldungen von Amnesty International über die Situation in Iran.

Im letzten Jahresbericht von 2017/2018 heißt es: Die Rechte auf Meinungs-, Versammlungs- und Religionsfreiheit seien weiterhin stark eingeschränkt. Behörden inhaftierten Personen, die friedlich Kritik geäußert hatten. Gerichtsverfahren seien in aller Regel unfair. Folter und Misshandlungen von Gefangenen an der Tagesordnung, darunter Auspeitschungen und Amputationen. Bei regierungskritischen Protesten im November in Iran sollen etwa 1500 Menschen getötet worden sein, wie die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf drei Vertreter des iranischen Innenministeriums meldete.

Das Gesicht des Staates, in dem das passiert, ist der iranische Präsident Hassan Rohani. Just von ihm persönlich nahm der Trierer Juniorprofessor für Arabische Philosophie, Kultur und Geschichte, Andreas Lammer (34), den, so heißt es, bedeutendsten iranischen Literaturpreis für seine Dissertation über den islamischen Philosophen und Wissenschaftler Avicenna entgegen: den „World Award for Book of the Year of the Islamic Republic of Iran“. Dafür gibt es viel Kritik. Nicht nur auf der Facebook-Seite der Uni Trier. Selbst im Ausland ist es ein Thema. Die Zeitung Jerusalem Post titelte: „Deutsche Universität unter Beschuss für Auszeichnung durch das iranische ‚antisemitische‘ Regime“.

Die iranische Menschenrechtlerin Mina Ahadi schrieb in einem offenen Brief an Lammer: „Indem Sie den Preis aus den Händen eines Massenmörders empfingen, haben Sie sich von den Islamisten instrumentalisieren lassen“ – und so „zum Teil der Propaganda gemacht, mit der sich das iranische Regime als seriöser Kooperationspartner im Wissenschaftsdiskurs inszeniert“. Von einer unabhängigen Preisverleihung könne nicht die Rede sein.

Andreas Lammer widerspricht. Gegenüber dem Volksfreud sagte er, das sei keine von Fanatikern ausgewählte Jury, er habe Mitglieder der Jury persönlich kennengelernt. „Aus meiner Sicht ist das ein wissenschaftlicher Preis, der für mich einen besonderen Stellenwert hat und mich ehrt, weil sich unter den früheren Preisträgern international führende Forscher auf den Gebieten der Arabistik, der Islamwissenschaft und der islamischen Philosophie finden.“ Etwa Dimitri Gutas von der Universität Yale, Marwan Rashed von der Pariser Sorbonne, Josef van Ess von der Universität Tübingen oder Klaus von Stosch von der Universität Paderborn. Stosch schreibt auf Volksfreund-Anfrage: „Präsident Rohani steht für eine Öffnung des Irans für den Westen und eine Liberalisierung des Landes. Den Preis von ihm anzunehmen, bedeutet die Reformkräfte im Land zu stärken und die Verbindung zwischen dem Westen und dem Iran nicht aufzugeben. Derartige Zeichen sind in der gegenwärtigen politischen Entwicklung gerade angesichts der pauschalen Dämonisierung des Iran durch die USA nötiger denn je.“

Vor der Preisverleihung hatte sich Lammer mit dem Präsidenten der Universität Trier, Professor Michael Jäckel, und mit weiteren Fachkollegen besprochen. Alle hätten ihm geraten, den Preis anzunehmen. Jäckel sagt: „Lammers Arbeit über den Philosophen Avicenna erfährt damit bereits zum dritten Mal eine Würdigung: Bayerischer Kulturpreis, BRAIS-De Gruyter Prize und nun die Auszeichnung in Teheran. Ein internationaler Wissenschaftspreis ist immer auch Gelegenheit, mit Wissenschaftlern anderer Länder in Kontakt und einen Austausch zu treten. Das waren für uns die ausschlaggebenden Gründe. Auch innerhalb der Hochschulrektorenkonferenz gab es bereits Hochschulkoordinierungsgespräche mit dem Iran. Wir wissen sehr wohl zwischen den politischen Konfliktlagen und wissenschaftlichen Kooperationen zu unterscheiden.“

Lammer sagt: „Dass es diesen Preis überhaupt gibt, ist ein wichtiges Zeichen.“ Einen neutraleren Boden als die Wissenschaft gebe es nicht. „Ich habe in Teheran eine große Offenheit und Wertschätzung gegenüber dem europäischen Wissenschaftsdiskurs erfahren.“ Der Austausch mit iranischen Wissenschaftlern sei Teil seines Alltages. Es sei wichtig, Vorbehalte und Vorurteile abzubauen und solche Verbindungen offenzuhalten und auch dafür helfe so ein Preis. „Ich glaube, dass sich Gutes aus dem Preis ergeben kann“, sagt Lammer.