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Für eine klare Haltung, gegen den erhobenen Zeigefinger

Für eine klare Haltung, gegen den erhobenen Zeigefinger

Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der Wochenzeitung Die Zeit, und sein Freund, der Autor und Journalist Axel Hacke, stellen beim Eifel-Literatur-Festival ihr Buch „Wofür stehst du?“ vor (24. Mai, Daun). Darin geht es um Wertevorstellungen, für die es sich nach Ansicht der Autoren zu kämpfen lohnt. Im Interview spricht Giovanni di Lorenzo sowohl über sein gemeinsames Buchprojekt als auch über sein Interview mit dem ehemaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Das hat für viel Aufsehen gesorgt, und dafür hat der bekannte Journalist auch reichlich Kritik eingesteckt.

In welchem Zusammenhang haben Sie das erste Mal vom Eifel-Literatur-Festival gehört?
Meinem Freund und Koautor Axel Hacke war das Festival ein Begriff, und er hat gesagt: Das müssen wir machen - auch wenn es etwas umständlich ist, dorthinzukommen. Ich mache immer alles, was Axel sagt.

Was schätzen Sie an einem Buch?
Wenn mich eine Geschichte packt.

Und dann ist für Sie das Genre zweitrangig?
Ja. Aktuell sind es vier Bücher, die mich bewegen oder gefesselt haben: "Vom Ende einer Geschichte" von Julian Barnes, die Fouché-Biografie von Stefan Zweig, "Im Winter dein Herz" von Benjamin Lebert und, obwohl ich sonst nie Krimis lese, "Ruhelos" von William Boyd.

Mit Axel Hacke, einem ehemaligen Journalistenkollegen, haben Sie das Buch "Wofür stehst du?" geschrieben. Was verbindet Sie mit ihm?
Eine Freundschaft, die schon 27 Jahre dauert - mit vielen Aufs und Abs. Anfangs haben wir das Büro bei der Süddeutschen Zeitung geteilt.

Wie kam es letztlich zu dem Buch?
Der Auslöser war ein gewisser Ärger darüber, dass uns von der älteren Generation vorgeworfen wurde: Ihr seid so pragmatisch und auf Effizienz ausgerichtet, dass ihr eigentlich Opportunisten seid und gar keine richtige Haltung habt. Das habe ich immer als ungerecht empfunden. Gleichzeitig habe ich gesehen, wie unendlich schwer es ist, eine Antwort auf die Frage zu finden: Wofür stehst du eigentlich?

Und das haben Sie mit Axel Hacke thematisiert und schon stand das Buchprojekt?
Es gab zumindest diese Idee. Während der Arbeit hat sich dann aber doch viel geändert. Wir wollten zunächst viel essayistischer schreiben, haben aber rasch gemerkt, dass das Buch nur Kraft hat, wenn wir unsere eigenen Erfahrungen nicht aussparen. Insofern ist der Text persönlicher geworden als ursprünglich geplant. Vor allem in den Kapiteln, in denen es um Familie geht oder ums Fremdsein.

Im Buch sprechen Sie über Werte, für die es sich einzustehen lohnt. Dabei vermeiden Sie aber beide den erhobenen Zeigefinger.
Die Rolle des Oberlehrers oder Moralapostels ist uns beiden suspekt. Ich denke, es gibt auch immer weniger Menschen, die den erhobenen Zeigefinger als angemessen empfinden. Wir sind beim Schreiben offen an die Themen herangegangen, die uns in unserem Leben beschäftigen, und haben auch die Widersprüche nicht ausgespart. Was nicht heißt, dass man am Ende nicht auch zu klaren Haltungen kommen kann.

Sie schreiben, dass Sie mit dem Buch ein Zeichen setzen wollen gegen die zunehmende Gleichgültigkeit, den vermehrten Rückzug ins Private. Etwa, weil man den Politikern die Gestaltung des Lebens nicht überlassen sollte?
Es ist auch ein Plädoyer dafür, nicht alles, was man als unzureichend empfindet, auf die Politik abzuschieben. Das kann zu leicht zu einem Alibi dafür werden, sich nicht selbst betätigen zu wollen. Ich glaube, dass sich Dinge dann verändern, wenn Bürger aktiv werden und einen gewissen Druck aufbauen. Grundsätzlich mag ich das Verächtlichmachen von Politik nicht.

Über Ihr Interview mit Karl-Theodor zu Guttenberg in der Zeit, dessen Komplettversion dann auch als Buch erschienen ist, wurde ebenfalls viel geschimpft. Würden Sie sagen, dass der Titel "Vorerst gescheitert" auch treffend Ihren Versuch beschreibt, zu Guttenberg auf eine ehrliche Entschuldigung für seinen Betrug festzunageln?
Nein, ich finde, das Buch ist sehr aussagekräftig. Es zeigt, dass Herr zu Guttenberg nicht bereit ist, das, was er getan hat, als Betrug zu bezeichnen. Außerdem spielt er damit, eine neue Partei zu gründen, und er kritisiert die Partei scharf, in der er immer noch Mitglied ist (die CSU, Anm. d. Red.). Diese drei Dinge hatten einen hohen Informationswert und eine enorme Brisanz. Ich habe meinen Job als Journalist gemacht.

Und was sagen Sie den Leuten, die Ihnen vorwerfen, mit dem Interview/Buch mehr die Publicity für die Zeit und für sich selbst und vielleicht auch den Profit (das Buch wurde mittlerweile mehr als 100 000 Mal verkauft) im Blick gehabt zu haben als wirkliche Aufklärung?
Dass es mit Sicherheit ein Fehler gewesen ist, sich auf das Interview einzulassen, das ich aber nur unter der Bedingung bekommen habe, dass daraus auch ein Buchprojekt entsteht. Mir ging es darum, das erste Interview mit zu Guttenberg seit seinem Rücktritt für die Zeit an Land zu ziehen. Aber so konnte leider der Eindruck entstehen, dass ich zu Guttenberg helfen oder mich gar bereichern wollte. Daraus habe ich meine Konsequenzen gezogen, auch was den angeblichen Profit anbelangt: Meine Anteile am Erlös des Buches werden komplett gespendet.