Für einen Whisky ist immer Zeit

Solide inszeniert, sorgte das Drama "Eines langen Tages Reise in die Nacht" am Trierer Theater für einen Premierenabend, der manchen Besucher nachdenklich stimmte. Das eine oder andere Bier auf der Premierenfeier wurde überlegter getrunken. Aber das war schließlich auch so gewollt.

 Beim Trinken sind sie sich einig: Edmund Tyrone (Alexander Ourth, links) und sein Vater James (Manfred-Paul Hänig). TV-Foto: Friedemann Vetter

Beim Trinken sind sie sich einig: Edmund Tyrone (Alexander Ourth, links) und sein Vater James (Manfred-Paul Hänig). TV-Foto: Friedemann Vetter

Trier. Eugene O'Neill (1888 bis 1953), US-Dramatiker irischer Abstammung und Literaturnobelpreisträger, schrieb sein autobiografisches Drama "Eines langen Tages Reise in die Nacht" mit so viel Herzblut, dass er dessen Aufführung zu eigenen Lebzeiten verbot. Verständlich, denn das Stück ist eine Reise in die kleinste Zelle der Gesellschaft, in die Familie - und beleuchtet all die Sorgen, Probleme und Ängste, die es zwischen Menschen geben kann. Schonungslos. Es geht eben nah und ist sehr persönlich, zumal es das Schicksal einer Schauspielerfamilie zeigt. Die Balance zwischen Nähe und Distanziertheit - zum Stück, aber auch zur eigenen Person zu wahren ist daher die eigentliche Herausforderung. Der mussten sich sowohl die Regie als auch die Schauspieler stellen. Das Stück handelt von einem Tag im Leben der Familie Tyrone. Am Morgen begrüßt der alternde Schauspieler James Tyrone (Manfred-Paul Hänig) seine Frau Mary (Johanna Liebeneiner). Der Dialog über das nächtliche Schnarchen von Tyrone, das seine Frau mit dem Lärm der Nebelhörner vergleicht, schafft einen der wenigen humorvollen Momente.

Die Söhne Edmund (Alexander Ourth) und James Junior (Paul Steinbach) stoßen dazu. Es entwickeln sich Gespräche, die in vielen Familien am Sonntagmorgen geführt werden. Es geht um den beruflichen Erfolg, die Frauen und die Nachbarn. Aber mehr und mehr spitzt sich die Handlung zu. James Junior redet seinem Vater ins Gewissen, die Schwindsucht des jüngeren Sohns ernst zu nehmen. Dieser will ihn jedoch nur in ein billiges Sanatorium schicken. Denn er ist - in Anbetracht seiner Herkunft aus ärmlichen Verhältnissen - äußerst geizig. Schon wird der erste Whisky getrunken. Währenddessen zieht sich die Mutter noch einmal zurück, um vor dem Mittagessen ein wenig zu ruhen. Anschließend kommt sie wie verwandelt herunter ins Wohnzimmer. Sie hat kein Schläfchen gehalten, sondern Morphium gespritzt und beichtet dem Publikum die Familiengeschichte der Tyrones.

"In einem richtigen Zuhause fühlt man sich nicht einsam", erklärt sie. Aber ihr eigenes Zuhause ist eben nicht richtig. Zu viele schwelende Konflikte und erlittene Enttäuschungen werden in der Familie Tyrone mit Whisky betäubt, während der Nebel vom Meer in den Hafen zieht. Und deshalb ist Mary Tyrone einsam, sucht Geborgenheit beim Hausmädchen Cathleen (Barbara Ullmann), flüchtet sich in den Morphium-Rausch. Währenddessen gehen ihr Mann und ihre Söhne auf Sauftour, kommen betrunken zurück und trinken weiter, denn "diese Schwäche ziert jeden richtigen Mann" (James Tyrone). Nach und nach arbeitet sich das Stück zum eigentlichen Höhepunkt vor, in dem der ältere dem jüngeren Sohn eröffnet, dass er ihn eigentlich hasst und ihn so geformt hat, wie er es wollte "Du bist mein Frankenstein", skandiert Paul Steinbach als "sternhagelvoller" James Tyrone jr.

Er ergötzt sich daran, dass sein jüngerer Bruder letztlich als alkoholkranker und schwindsüchtiger Provinzblatt-Journalist sein Dasein fristet. Packend dann das Schlussbild, in dem Johanna Liebeneiner als Mary im Nachthemd über die Bühne geistert, über ihr Schicksal räsoniert, während Söhne und Mann ihr erstarrt, fassungslos zuhören. Gast-Regisseur Peter Ries gelingt es, das sperrige O'Neill-Stück auf ein kommodes Maß zu verdichten, das den Zuschauer nicht überfordert, ihm aber die Kernbotschaft klar und deutlich macht: Es gibt kein Entfliehen vor der Realität. Man sollte sie akzeptieren. Das ermöglicht ihm ein Schauspieler-Ensemble, das hervorragend aufeinander eingespielt ist. Alexander Ourth glänzt als schlaksiger, schwindsüchtiger und alkoholkranker Edmund Tyrone. Manfred-Paul Hänig schafft es, einen Schauspieler zu mimen, ohne zu sehr zu übertreiben. Paul Steinbach stellt den älteren Sohn James Tyrone Junior routiniert-gelassen dar, und Barbara Ullmann kuschelt als Hausmädchen Cathleen überzeugend mit Mutter Mary. Deren Rolle erfüllt Johanna Liebeneiner mit außergewöhnlicher Kraft, enormer Wärme und Menschlichkeit. Ein klares, schnörkelloses Bühnenbild mit kräftigen Farbakzenten verdichtet die Wirkung des Stückes.

Das Publikum dankt am Ende der Vorstellung mit langem Applaus und Bravo-Rufen für die prominente Gastschauspielerin.

Die weiteren Februar-Termine im Trierer Theater: 4. Februar, 20 Uhr; 7. Februar, 19.30 Uhr; 13. Februar, 20 Uhr, 15. Februar, 19.30 Uhr; 17. Februar, 20 Uhr.

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