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Für immer dafür, für immer dagegen

Für immer dafür, für immer dagegen

Ein Roman-Klassiker, 90 Jahre alt, für viele ein bewegendes Stück Literatur. Aber im Theater Trier war die Bühnenfassung von Hermann Hesses "Steppenwolf" noch nie zu sehen. Vor der Premiere am kommenden Dienstag sprach der TV mit der jungen Regisseurin Anna-Elisabeth Frick.

Trier. Die erste Assoziation zu "Steppenwolf"? Die einen sehen Peter Fonda vor sich, wie er in Easy Rider auf seiner Harley Davidson durch die amerikanische Unendlichkeit cruist. Zu "Born to be Wild", dem größten Hit von Steppenwolf, der Band. Und wer nicht gerade einen echten Wolf durchs Kopfkino heulen lässt oder, weniger wahrscheinlich, das Peter-Maffay-Album gleichen Namens ("Und wenn ich geh, dann geht nur ein Teeeeil von mir ...") - der denkt wohl an Hermann Hesse. An sein Alter Ego Harry Haller. Oder an den alten Deutschlehrer, die Pubertät oder wie furchtbar lange das alles schon her ist. Und, falls das Gedächtnis noch mithält: an Hermine, an das magische Theater. An Selbstmord als unkonventionelle Geschenkidee zum eigenen Fünfzigsten. Kerze aus, Feierabend! Oder sie brennt eben weiter. Koproduktion mit Luxemburg

"Nur für Verrückte", so überschreibt Hesse Harry Hallers Aufzeichnungen im 1927 erschienenen "Steppenwolf", Namensgeber der Rockband und Lieblingsbuch ganzer Rudel von Suchenden und Zweiflern. Verrückt machen lässt sich Regisseurin Anna-Elisabeth Frick, Jahrgang 1989, nicht vor der Premiere des "Steppenwolfs" am Dienstag, 31. Januar, im Theater Trier. Dazu gebe es auch keinen Grund. "Wir sind auf einem guten Weg", sagt sie beim Treffen mit dem TV kurz vor den Hauptproben. "Auch die Zusammenarbeit mit Luxemburg lief sehr gut." Die Koproduktion des Theaters Trier und der Théâtres de la Ville de Luxembourg ist ihre bisher größte Regie-Arbeit. Nach ihrem Studium in Köln, Venedig und Berlin ist Anna-Elisabeth Frick aktuell im Absolventenjahr an der Akademie für Darstellende Kunst in Ludwigsburg. Eigentlich war Bettina Bruinier von Schauspieldirektor und "Steppenwolf"-Dramaturg Ulf Frötzschner für die Inszenierung vorgesehen. Im Spätsommer vergangenen Jahres entschied sich dann Intendant Karl Sibelius nach der Demission Frötzschners für Anna-Elisabeth Frick, die kurz zuvor mit dem Preis des Körber Studio Junge Regie ausgezeichnet worden war. "Ich hatte Zeit, das passte", erinnert sich das Regie-Talent. Inzwischen ist Intendant Sibelius weg, Frötzschner wieder zurück. Klingt schwierig, war es aber nicht, betont sie: "Es war ein angenehmes Arbeiten." Der Steppenwolf hat schon früh Anna-Elisabeth Fricks Weg gekreuzt, wenn auch weder in der Schule noch während des Germanistik-Studiums. "Ich habe das Buch mit 14 oder 15 Jahren gelesen. Das war damals sehr nah an mir dran. In der Pubertät ist es ein sehr zugängliches Thema, dass man sich von der Welt unverstanden fühlt." Harry Hallers tiefe Depressionen, die Zerrissenheit, der Ekel vor dem Establishment. Aber es steckt auch viel Larmoyanz drin, viel Pathos. Der Zugang ist inzwischen ein anderer. "Ich habe mit vielen Menschen gesprochen, auch mit sehr viel älteren, die sagen: ,Ich habe noch mal in den ,Steppenwolf' reingeschaut: Damals hat mich das Buch dermaßen bewegt, aber jetzt kann ich nichts mehr damit anfangen.'" Aber auch das mache den Reiz aus, findet die Regisseurin: Dass sich die Lesart verändert, je nach Alter, nach Generation, vielleicht auch je nachdem, wie die Gesellschaft gerade tickt. "Da stehen immer die Fragen: Wie soll ich leben? Muss ich mich anpassen? Muss ich mit dem Strom mitschwimmen in einer neoliberalen Welt? Und wo ist das Fenster, um auszusteigen und alternativ zu leben? Gibt es das überhaupt noch?" Der Aussteiger sei heute schließlich niemand mehr, den man besonders bewundert oder dem man huldigt - anders als dem Bohémien der 20er: "Heute heißt es dann eher: Der hat's nicht geschafft."Das war in späten 60ern ganz anders, als die Werke des Literatur-Nobelpreisträgers von 1946 weltweit wiederentdeckt wurden. Eine große Theatertradition hat der "Steppenwolf" aber nicht. Erst vor zwölf Jahren wurde die Bühnenfassung unter Dramaturg Joachim Lux am Wiener Burgtheater uraufgeführt. Es ist die einzige Fassung, die von den Hesse-Erben autorisiert ist. Das schränkt die Freiheiten für die Regisseurin entsprechend ein. "Eine Roman-Adaption ist immer schwieriger als ein Theaterstück, man braucht einen bestimmten Zugang", sagt Frick. "Wir haben das mit sehr großen Bildern umgesetzt. Die Bühne spielt eine große Rolle. Wir haben versucht, das Unterbewusstsein von Harry über verschiedene Bilderwelten zu erschließen." Vorstellungen: 31. Januar, 4./17. und 19. Februar sowie 15. April im Theater Trier. Weitere Vorstellung: 5. März in Luxemburg. Ursprünglich war die Premiere in Luxemburg am 16./17. Januar geplant, sie wurde aus nicht näher ausgeführten Krankheitsgründen verlegt. Neben den Trierer Ensemblemitgliedern sind drei Luxemburger Schauspieler sowie Max Thommes (Musik) beteiligt.Extra

Für immer dafür, für immer dagegen
Foto: (g_kultur

Anna-Elisabeth Frick (1989 geboren in Darmstadt) studiert seit 2013 Regie an der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg. Zwei ihrer Arbeiten wurden am Schauspiel Stuttgart gezeigt. Ihre Inszenierung von "Die Unerhörte" wurde mit dem Körber-Preis ausgezeichnet.