Trier Orchester-Jubiläum: Das Beste kommt zum Schluss

Trier · Mit einem sehr eindrucksvollen Festkonzert hat das Philharmonische Orchester der Stadt Trier seine Festwoche zum 100. Geburtstag beschlossen.

 Das Festkonzert in St. Maximin war ein mehr als würdiger Abschluss der Feierlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen des Philharmonischen Orchesters Trier.

Das Festkonzert in St. Maximin war ein mehr als würdiger Abschluss der Feierlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen des Philharmonischen Orchesters Trier.

Foto: Theater Trier/MARCO PIECUCH

Kunst sei der Ertrag alles Erfahrenen, Erlebten und Erträumten, hat Theodor Adorno einst festgestellt. Ihnen gelte es Sinn abzugewinnen und ihn ästhetisch zu formulieren. Wer am Sonntagabend in St. Maximin Anton Bruckners berühmte 7. Sinfonie in E-Dur gehört hat, fand die Forderung des Philosophen einmal mehr bestätigt. Zwischen den stillen himmelwärts strebenden Mauern des einstigen Kirchenschiffs fand vielfarbig und bewegend, musikalisch Gestalt und Ausdruck, was der Ertrag eines mit mehr Dunkel als Helligkeit ausgestatteten und gewiss oft einsamen wie sehnsüchtigen  Musikerlebens war. Um es gleich vorab zu sagen: Es war ein großartiges Konzert, zu dem man das Philharmonische Orchester der Stadt Trier und seinen Dirigenten Jochem Hochstenbach von Herzen beglückwünschen muss. Mit seiner eindrucksvollen Leistung setzte der Trierer Klangkörper nicht nur eine markante Wegmarke in der eigenen Geschichte, sondern er erreichte auch einen neuen Höhepunkt im eigenen Schaffen. Doch der Reihe nach: Zum 2. Sinfoniekonzert und Festkonzert als  Abschluss der Festwoche zum 100-jährigen Bestehen des Philharmonischen Orchesters hatten Stadt, Musiker und Theater in die ehemalige Abteikirche eingeladen. Unter den 800 Gästen konnte Oberbürgermeister Wolfram Leibe neben dem Hausherrn Bischof Stephan Ackermann auch den rheinland-pfälzischen Wissenschafts- und Kulturminister Konrad Wolf begrüßen. An ihre ehemalige Wirkungsstätte zurückgekehrt waren zur Feier des Jubiläums auch der einstige Generalmusikdirektor Victor Puhl und der frühere Intendant Gerhard Weber. Trier scheint, wie Leibe in seiner Begrüßung feststellte, ein fruchtbares Biotop für 100-jährige vitale Ausdauer zu sein, was allein die zahlreichen 100 Jahre alten Bürger der Stadt bestätigten. Allerdings unterstrich der OB auch, dass solcherart Nachhaltigkeit nur mit Hilfe von Kommunikation und dem nötigen Kampfgeist bei Schwierigkeiten möglich sei. Grüße und Glückwünsche von Ministerpräsidentin Malu Dreyer überbrachte Minister Wolf. Viel Lob gab es von dem Mainzer Politiker für den städtischen Klangkörper  (dessen Kosten das Land zu 50 Prozent trägt, wie es auch 60 Prozent der Kosten für die Baumaßnahmen zur Theatersanierung übernimmt). „Das Philharmonische Orchester der Stadt Trier ist ein unverzichtbarer Träger und Botschafter rheinland-pfälzischer Musikkultur“, sagte Wolf. Es sei gleichermaßen bedeutend für das kulturelle Leben von Stadt wie Region. Mehr noch: Jede Zeit habe ihre eigenen Herausforderungen und Auffassungen, fuhr der Minister fort. Es gelte daher nicht allein das Publikum zu begeistern, sondern auch zu fordern. Dem stelle sich das Orchester durch innovative, vielfältige Formate und Programme, die Anreize nicht zuletzt für ein junges Publikum böten. Wie sehr das Orchester an diesem Abend auf der Höhe der Zeit war, konnten die 800 Zuhörer eindrucksvoll bei Bruckner erleben. Nicht 100, aber immerhin 60 Jahre alt war der Komponist bei der Uraufführung seiner 7. Sinfonie 1884, ein Triumph nach einem Leben voll Enttäuschungen, Niederlagen, Spiritualität und nicht zuletzt der Verehrung für den großen Richard Wagner.

 Dirigent Jochem Hochstenbach im Einsatz.

Dirigent Jochem Hochstenbach im Einsatz.

Foto: Theater Trier/MARCO PIECUCH

All das  hat Bruckner widersprüchlich und kontrastreich als Synthese zum großen Zusammenhang der symphonischen Form verdichtet. Gemeinsam mit dem verstärkten hochpräsenten Orchester erschloss Jochem Hochstenbach seinen Zuhörern einfühlsam den musikalischen Kosmos der Sinfonie. Das dynamische wie konturierte Dirigat des Orchesterchefs machte die feine Struktur des musikalischen Gewirks mit seinen Farben und Temperamenten transparent und durchhörbar, ohne jemals den großen Zusammenhang aus dem Auge zu verlieren. Weit atmend und mit raumgreifender Geste schlug  die Musik  die großen romantischen Bögen. Wunderbar leicht und schlank erklangen die Geigen, bisweilen schien ihr Ton von fast immaterieller transzendentaler Qualität. Feinsinnig kommunizierten Streicher und Bläser, unter ihnen die feinen Flöten. Wie der Puls des Lebens pochte der Kontrabass in diesem Klangbild aus kraftvoller Farbigkeit und feinsten, zuweilen düsteren Unterströmungen. Nicht zu vergessen Richard Wagner, der hier nicht nur mit seinen Wagnertuben Pate stand. Es waren auch Wagners Überwältigungsklänge, bei denen die gewaltigen Blechbläser mit der schwierigen Akustik des Raums zu kämpfen hatten. Aber nicht nur Struktur wurde hörbar. Die Musiker erwiesen sich auch als einfühlsame Mittler der emotionalen Zusammenhänge und Befindlichkeiten, wie im wunderbar warm gespielten Adagio mit seinen düsteren Ahnungen, seiner Trauer und seinen tröstlichen Streichern. Der Satz entstand im Zusammenhang mit dem Tod Wagners. Auch bei Bruckner siegte die Trauer zum Glück nicht. Wunderschön: die tänzerische leichte Geste des 3. Satzes. Zum Ende schließlich in gewaltigen Klangentladungen: das große götterdämmernde, Wagner zitierende Weltgewitter. Ein großartiger Abend mit minutenlangem Applaus und Standing Ovations. Wie lautet der Wunsch zu Jubelfeiern: „Vivat, crescat, flöreat “ - Auch das Philharmonische Orchester möge weiterhin leben, wachsen und blühen.

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